Wie der Klimawandel den Reis vergiftet
In der fruchtbaren Yangtze-Delta-Region im Süden Chinas ziehen sich grüne Reispflanzen durch überflutete Felder, gespeist von Kanälen und traditionellen Dämmen. Diese jahrtausendealte Methode – Reisanbau im Wasser – ist effizient, aber auch problematisch: Denn genau diese Bedingungen begünstigen die Anreicherung von anorganischem Arsen im Boden.
Laut einer neuen Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Lancet Planetary Health, wird Reis durch den Klimawandel zur zweitgrößten Quelle für anorganisches Arsen in der menschlichen Ernährung – direkt nach Trinkwasser. Wenn sich an der Art und Weise, wie Reis angebaut und konsumiert wird, nichts ändert, könnten bereits ab 2050 Millionen Menschen ein erhöhtes Krebsrisiko tragen.
„Unsere Ergebnisse sind beängstigend“, sagt Donming Wang vom Institut für Bodenkunde der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, der die Studie leitete. „Das ist eine Katastrophe – und ein Weckruf.“
10 Jahre Forschung, eine alarmierende Erkenntnis
Bereits 2014 begann Wang gemeinsam mit einem internationalen Team aus Klima-, Agrar- und Gesundheitsexpert:innen damit, Reisanbau im Yangtze-Delta zu untersuchen. Ziel war es herauszufinden, wie sich die erwarteten Temperaturen und CO₂-Werte im Jahr 2050 auf den Arsengehalt im Reis auswirken könnten – insbesondere bei Sorten, die weltweit verbreitet sind.
Die Forschenden analysierten 28 Reissorten, darunter Japonica, Indica und Hybridformen, die in Ländern wie Indien, China, Vietnam oder Indonesien besonders beliebt sind. Das Ergebnis: Je wärmer das Klima und je höher der CO₂-Gehalt, desto stärker wächst das Wurzelwerk der Pflanzen – und nimmt mehr Arsen aus dem Boden auf.
Warum? Die veränderten Bodenverhältnisse unter Wasser, kombiniert mit einem Überschuss an Kohlenstoff, fördern Mikroben, die Arsen mobilisieren. Gleichzeitig fehlt in den überfluteten Feldern Sauerstoff, was die Bakterien dazu bringt, Arsen zur Energiegewinnung zu nutzen – ein Teufelskreis.
Ein toxisches Paradox
Für Corey Lesk von der Dartmouth University, der nicht an der Studie beteiligt war, ist das Ergebnis ein paradoxes Dilemma. Eigentlich sei vermehrtes Wurzelwachstum ein Vorteil, um Reis widerstandsfähiger gegen Dürren zu machen – doch genau das fördert auch die Arsenaufnahme.
Arsen ist in vielerlei Form bekannt, doch vor allem anorganisches Arsen ist hochgiftig. Die WHO stuft es als „nachgewiesenes Karzinogen“ ein und nennt es den gefährlichsten chemischen Schadstoff im Trinkwasser weltweit. Chronische Aufnahme kann unter anderem Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und neurologische Schäden verursachen.
Fehlende Standards, globale Ungleichheit
Trotz bekannter Risiken hinkt die Politik hinterher: In vielen Ländern gibt es keine verbindlichen Grenzwerte für Arsen in Lebensmitteln. Selbst in der EU oder China gelten nur uneinheitliche Empfehlungen. Die USA haben lediglich für Reisbabynahrung einen unverbindlichen Richtwert von 100 ppb (parts per billion) eingeführt – ohne verbindliche Obergrenze für andere Produkte.
Dabei zeigen Wangs Daten: Wenn sich der Klimawandel wie prognostiziert fortsetzt, könnte der Arsengehalt im Reis um bis zu 44 % steigen. Das würde dazu führen, dass mehr als die Hälfte der getesteten Proben den derzeitigen Grenzwert Chinas von 200 ppb überschreiten. Im schlimmsten Fall könnten bis zu 13,4 Millionen zusätzliche Krebsfälle durch reisbedingte Arsenaufnahme auftreten.
Kinder sind besonders gefährdet. Weil sich die Schadstoffwirkung am Körpergewicht bemisst, trifft die Belastung Babys und Kleinkinder unverhältnismäßig stark – etwa durch Reisbrei, der oft als erste Beikost gefüttert wird.
Keine Panik – aber Handlungsbedarf
Trotz der beunruhigenden Prognosen rät Co-Autor Lewis Ziska von der Columbia University nicht zu drastischen Maßnahmen wie einem kompletten Reisverzicht. „Die entscheidende Frage ist, wie viel Reis man konsumiert“, sagt er. Wer täglich Reis isst, trägt ein höheres Risiko – wer ihn nur gelegentlich genießt, hat laut Ziska wenig zu befürchten.
Dennoch: Die Folgen treffen vor allem ärmere Länder und soziale Gruppen, in denen Reis als günstiges Nahrungsmittel unverzichtbar ist. Damit verschärft die Entwicklung globale Ungleichheiten.
Was jetzt passieren muss
Neben Klimaschutz durch weniger Emissionen braucht es auch Anpassungen im Reisanbau. Dazu zählt:
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frühere Aussaat, um Hitzephasen zu vermeiden
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gezielte Züchtung arsenarmer Sorten
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besseres Bodenmanagement
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wassersparende Bewässerungsmethoden wie „Alternate Wetting and Drying“, bei der Felder nicht dauerhaft geflutet, sondern zeitweise trocken gelegt werden
Solche Maßnahmen helfen nicht nur gegen Arsen, sondern senken auch die Methanemissionen aus dem Reisanbau – immerhin verantwortlich für rund 8 % aller menschengemachten Methanemissionen.
„Ich weiß, das Thema klingt nicht so dramatisch wie steigende Meeresspiegel oder Monsterstürme“, sagt Ziska. „Aber wenn man bedenkt, dass Reis die ganze Welt ernährt, ist die Tragweite enorm.“
Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Grist: https://grist.org/food-and-agriculture/the-king-of-poisons-arsenic-is-building-up-in-rice/. Grist ist eine gemeinnützige, unabhängige Medienorganisation, die sich dem Erzählen von Geschichten über Klimaschutz und eine gerechtere Zukunft widmet. Mehr unter Grist.org.