Zwischen Maisfeldern und einem stillen See bewahrt ein kleiner serbischer Friedhof ein Geheimnis, das die Geschichte des Vampirismus neu schreiben könnte. In Kisiljevo, etwa 100 Kilometer von Belgrad entfernt, soll der erste dokumentierte Vampir ausgegraben worden sein. Heute wollen die Bewohner diese vergessene Geschichte wiederbeleben und in eine kulturelle und touristische Attraktion verwandeln.
Ein Sarg, ein Pflock und ein Mythos, der wiederaufersteht

Der Legende nach fürchteten im Sommer 1725 die Bewohner von Kisiljevo, dass ein Toter nachts mordend umhergehe. Verdächtigt wurde Petar Blagojevic. In ihrer Verzweiflung gruben sie seinen Leichnam aus, der – so Zeugen – in perfektem Zustand gewesen sei. Als sie ihm einen Pflock ins Herz rammten, floss frisches Blut aus seinem Mund und seinen Ohren. So erzählt es Mirko Bogicevic, Nachfahre von Augenzeugen und lokaler Chronist des Mythos.
Der Fall wurde im Wienerischen Diarium, der offiziellen Wiener Hofzeitung, festgehalten. Damit gilt er als die erste schriftliche Erwähnung eines „Vampirs“ in Westeuropa. Für einige Historiker, wie Clemens Ruthner vom Trinity College, könnte das Wort jedoch auf einem Missverständnis beruhen: Upior, ein bulgarischer Begriff für „böser Mensch“, wurde womöglich von den österreichischen Ärzten falsch interpretiert.
Eine vergessene Geschichte drängt ans Licht

Drei Jahrhunderte später weiß kaum jemand, dass der erste Vampir aus Serbien und nicht aus Rumänien stammen könnte. Doch in Kisiljevo will man das ändern. Kürzlich wurde das angebliche Grab von Blagojevic wiederentdeckt, das über Generationen aus Angst oder Aberglaube in Vergessenheit geraten war. „Das Potenzial ist enorm“, sagt Dajana Stojanovic, Leiterin des lokalen Tourismusbüros.
Die Region nahe der rumänischen Grenze ist reich an Legenden über walachische Magie. Alte Rituale, Geschichten von Hexerei und gelebte Traditionen nähren die Aura des Geheimnisvollen, die das Dorf umgibt. „Jedes Dorf hat seinen Glauben“, sagt Stojanovic, die hier eine Chance sieht, einem vergessenen Ort neues Leben einzuhauchen.
Mythos, Wissenschaft und Aberglaube im Herzen des Balkans
War Petar Blagojevic wirklich ein Vampir? Für Ruthner ist es wahrscheinlicher, dass es sich um eine Milzbrand-Epidemie oder ein kollektives Missverständnis handelte – in Zeiten ohne medizinisches Wissen. Wie bei Hexenverfolgungen bot der Vampirmythos eine Erklärung für das Unerklärliche: Einer stirbt, andere erkranken… und der Verdacht fällt auf den Verstorbenen.
In Kisiljevo bleibt der Zweifel. „Wenn wir an ein Leben nach dem Tod glauben, warum nicht auch daran?“, fragt Bogicevic. Zur Sicherheit bewahren die Dorfbewohner noch heute Flaschen Rakia auf, angereichert mit Knoblauch – dem klassischen Schutz gegen das Übernatürliche.
Ob Mythos oder reale Geschichte: Kisiljevo ist erwacht. Und mit ihm der Wunsch, seinen Platz auf der Landkarte des Unheimlichen einzunehmen.