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Wissenschaft

Kindheitstrauma hinterlässt Spuren – auch im Kopf: Studie zeigt erhöhtes Risiko für chronische Kopfschmerzen

Eine neue Meta-Analyse zeigt: Wer in der Kindheit traumatische Erlebnisse hatte, erkrankt später deutlich häufiger an primären Kopfschmerzerkrankungen – also Migräne oder Spannungskopfschmerzen ohne erkennbare körperliche Ursache.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Ein Schmerz, der Jahre später kommt

Was wir in der Kindheit erleben, prägt uns – manchmal auf erschreckend körperliche Weise. Laut einer neuen, groß angelegten Studie kann emotionaler Schmerz aus der Kindheit Jahrzehnte später buchstäblich zu Kopfschmerzen führen. Die Untersuchung, veröffentlicht im Fachjournal Neurology, fasst Daten aus 28 Einzelstudien mit insgesamt 154.739 Teilnehmenden in 19 Ländern zusammen. Das Ergebnis: Menschen, die Kindheitstraumata erlebt haben, entwickeln im Erwachsenenalter mit 48 % höherer Wahrscheinlichkeit primäre Kopfschmerzen als Menschen ohne solche Erlebnisse.

Die Studienleiterin Catherine Kreatsoulas von der Harvard T.H. Chan School of Public Health sagt gegenüber Gizmodo: „Da primäre Kopfschmerzen weltweit zu den führenden Ursachen für Beeinträchtigungen zählen und Kindheitstraumata global weit verbreitet sind, wollten wir prüfen, ob hier ein Zusammenhang besteht.“

Wenn frühe Erfahrungen den Körper verändern

Kindheitstraumata sind leider keine Seltenheit. Laut den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erlebt mindestens jedes siebte Kind in den USA jährlich körperlichen oder emotionalen Missbrauch oder Vernachlässigung. Zwei Drittel der heutigen Erwachsenen berichten von mindestens einem potenziell traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit – sei es Gewalt, der Verlust eines Elternteils durch Suizid oder emotionale Vernachlässigung.

Die gesundheitlichen Folgen sind bekannt: Suchtprobleme, Lernschwierigkeiten, ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten – und, wie sich nun zeigt, eben auch Kopfschmerzen. Dabei handelt es sich um sogenannte primäre Kopfschmerzen, also solche, die nicht durch andere Krankheiten verursacht werden, wie etwa Migräne oder chronische Spannungskopfschmerzen.

Unterschiedliche Traumata – unterschiedliche Risiken

Besonders interessant: Nicht alle traumatischen Erfahrungen wirken sich gleich aus. Die Forschenden unterschieden zwischen „Bedrohungstraumata“ (z. B. Missbrauch oder Gewalt) und „Deprivationstraumata“ (z. B. Vernachlässigung oder der Tod eines Elternteils). Während erstere das Kopfschmerzrisiko um 46 % erhöhten, lag der Anstieg bei Deprivationstraumata bei 35 %.

Auch ein „Dosis-Wirkungs-Effekt“ wurde deutlich: Je mehr traumatische Erfahrungen jemand in der Kindheit gemacht hatte, desto höher war das Risiko für spätere Kopfschmerzen. Dieser Effekt stützt laut den Forschenden die Annahme, dass es sich um einen echten Zusammenhang handelt – auch wenn die Studie selbst keinen kausalen Beweis liefert.

„Unsere Ergebnisse zeigen vermutlich nur die Spitze des Eisbergs“, erklärt Kreatsoulas. „Da viele Menschen traumatische Kindheitserlebnisse nicht offenlegen, liegt die tatsächliche Quote wahrscheinlich noch höher.“

Was bedeutet das für die Medizin?

Die Studienautor:innen hoffen, dass ihre Arbeit künftig zu einem besseren Umgang mit Kopfschmerzpatient:innen beitragen kann. Denn auch wenn man die Vergangenheit nicht ändern kann – man kann lernen, mit ihren Folgen umzugehen.

„Hausärzt:innen und Neurolog:innen, die Erwachsene mit Kopfschmerzen behandeln, sollten routinemäßig nach Kindheitstraumata fragen“, so Kreatsoulas. „Und sie sollten ihre Patient:innen über den möglichen Zusammenhang aufklären.“

Ein weiteres Ziel: bessere Zusammenarbeit zwischen neurologischen, psychologischen und psychiatrischen Praxen, um Betroffene ganzheitlich zu unterstützen – nicht nur beim Schmerz, sondern auch bei der Verarbeitung dessen, was ihn womöglich ausgelöst hat.

Die Forscher:innen planen zudem, künftig auch andere Krankheitsbilder in Zusammenhang mit Kindheitstraumata zu untersuchen – etwa Autoimmunerkrankungen oder chronische Leiden. Außerdem sei es wichtig, zu analysieren, ob das Alter, in dem ein Trauma erlebt wird, eine Rolle für die späteren Folgen spielt.

Diese Studie liefert keinen endgültigen Beweis, dass traumatische Kindheitserfahrungen Kopfschmerzen verursachen – aber sie legt einen klaren Zusammenhang nahe. Und sie zeigt, wie eng psychische und körperliche Gesundheit miteinander verwoben sind – oft weit über das hinaus, was man sehen oder messen kann.

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