Ein Cholesterinwert mit Sprengkraft
Die Rede ist von Lipoprotein(a), kurz Lp(a) – eine spezielle Form des sogenannten „schlechten“ LDL-Cholesterins. Der Clou: Während sich normales LDL meist durch Ernährung und Lebensstil beeinflussen lässt, ist Lp(a) fast ausschließlich genetisch bedingt. Weltweit betrifft das rund 20 % der Menschen – und bislang gibt es keine zugelassene Therapie, um diesen gefährlichen Wert gezielt zu senken.
Doch das könnte sich bald ändern.
Phase-2-Studie bringt bahnbrechende Ergebnisse
Am Wochenende veröffentlichte das Pharmaunternehmen Eli Lilly neue Studiendaten zu seinem experimentellen Wirkstoff Lepodisiran. In der sogenannten Phase-2-Studie wurden über 300 Personen mit genetisch bedingt hohen Lp(a)-Werten untersucht. Die Ergebnisse: Bei den höchsten verabreichten Dosen sank der Lp(a)-Spiegel um satte 94 % – und das sogar ein Jahr nach der Injektion.
Die Daten, die nun auch im renommierten New England Journal of Medicine erschienen sind, lassen aufhorchen. Zum ersten Mal scheint es eine echte Option zu geben, diesen bislang unbehandelbaren Risikofaktor effektiv in den Griff zu bekommen.
Wie funktioniert das Ganze?
Lepodisiran basiert auf einer innovativen Technologie namens siRNA (small interfering RNA). Vereinfacht gesagt: siRNA blockiert gezielt die Umsetzung bestimmter genetischer Informationen – in diesem Fall die Herstellung des Proteins Apolipoprotein(a), das für die Bildung von Lp(a) entscheidend ist. Die Leber, wo Lp(a) hauptsächlich produziert wird, bekommt sozusagen den „Befehl“: Schluss mit der Produktion!
Details zur ALPACA-Studie
In der sogenannten ALPACA-Studie wurden die 320 Teilnehmer in fünf Gruppen eingeteilt. Drei Gruppen erhielten zu Beginn und nach sechs Monaten jeweils zwei Injektionen Lepodisiran in unterschiedlichen Dosierungen. Eine Gruppe bekam nur zu Beginn die höchste Dosis und später ein Placebo. Und eine letzte Gruppe bekam ausschließlich Placebos.
Ergebnis: Alle, die Lepodisiran erhielten, zeigten eine deutliche Senkung des Lp(a)-Spiegels. Besonders beeindruckend war der Effekt bei den Höchstdosierungen:
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94 % Reduktion nach sechs Monaten
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88 % Reduktion nach einem Jahr bei einmaliger Höchstdosis
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95 % Reduktion nach einem Jahr bei zwei Injektionen
Ein echter Durchbruch – vor allem, weil das Medikament bislang keine ernsthaften Nebenwirkungen gezeigt hat.
Und wie sicher ist das Ganze?
Phase-2-Studien sind in erster Linie dazu da, die Sicherheit eines Medikaments zu testen und die optimale Dosierung zu bestimmen. Bis zur Zulassung ist es also noch ein Stück Weg – vor allem, weil auch in der nächsten Phase (Phase 3) langfristige Effekte und mögliche Nebenwirkungen genauer untersucht werden müssen.
Dennoch sind Fachleute bereits jetzt mehr als optimistisch. Eric Brandt, Kardiologie-Experte der Universität Michigan, der selbst nicht an der Studie beteiligt war, kommentierte gegenüber NBC News:
„Das ist wirklich bemerkenswert. Diese Medikamente könnten Lp(a) praktisch auslöschen.“
Was bedeutet das für die Zukunft?
Eli Lilly hat bereits mit der Rekrutierung von Freiwilligen für die nächste Studienphase begonnen. Sollte Lepodisiran auch dort überzeugen, wäre es nicht nur das erste Medikament gegen Lp(a), sondern auch ein weiteres Highlight in der noch jungen Erfolgsgeschichte von siRNA-basierten Therapien.
Schon 2021 hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA das Medikament Leqvio von Alnylam Pharmaceuticals und Novartis zugelassen – ebenfalls ein siRNA-Wirkstoff, allerdings zur Senkung des klassischen LDL-Cholesterins bei bestimmten genetischen Erkrankungen oder therapieresistenter Arteriosklerose.
Wenn sich die bisherigen Ergebnisse bestätigen, steht uns ein echter Paradigmenwechsel in der Behandlung genetisch bedingter Herz-Kreislauf-Risiken bevor. Für Millionen Menschen mit hohem Lp(a)-Spiegel – bislang ohne wirksame Therapieoption – könnte Lepodisiran ein echter Lichtblick sein.