Seltene Erden sind die unsichtbaren Helden der modernen Technologie – unverzichtbar in Autos, Smartphones, Windrädern und Militärtechnik. Doch ihre Verfügbarkeit steht derzeit auf der Kippe. China, das den Weltmarkt dominiert, zieht die Daumenschrauben an. Im Interview mit ntv.de gibt Tradium-Geschäftsführer Matthias Rüth einen alarmierenden Einblick in die drohende Krise – und erklärt, warum sich die Lage schneller zuspitzen könnte, als viele glauben.
Chinas Druckmittel: Die Kontrolle über die Hightech-Rohstoffe

Zum ersten Mal überhaupt verlangt China Exportgenehmigungen für sieben sogenannte schwere seltene Erden. Laut Rüth ist die globale Versorgung damit „sehr gefährdet“. Schon ein Blick ins Jahr 2010 zeigt, was drohen könnte: „Damals stoppte China im Streit mit Japan die Ausfuhr – die Preise explodierten.“ Heute sei die Abhängigkeit noch größer. China kontrolliere mindestens 95 % des Marktes und könne so politischen Druck ausüben, nicht nur auf die USA, sondern auf die ganze Welt.
In der Praxis bedeutet das: Nervosität in der Industrie. „Anfragen häufen sich, aber wir haben aktuell Material in China, das im Zoll festhängt“, berichtet Rüth. Zwar liege in Frankfurt ein Vorrat von 300 Tonnen, doch eine dauerhafte Versorgung sei bei einem anhaltenden Handelskonflikt nicht gesichert.
Die Industrie im Blindflug: Kaum Lager, viel Risiko

„Viele Firmen arbeiten just-in-time und haben kaum Bestände aufgebaut“, sagt Rüth weiter. Die Folge: Selbst bei kurzen Lieferstopps könne es schnell eng werden. „Ohne Lagerbestände brechen Lieferketten in wenigen Wochen zusammen“, warnt er. Vor allem Branchen wie Elektromobilität, Robotik, Rüstung und Unterhaltungselektronik seien gefährdet – überall dort, wo Terbium, Dysprosium oder Neodym-Magnete gebraucht werden.
Einige Industriekunden hätten zwar vorsorglich Verträge verlängert oder Lager angelegt, doch das sei die Ausnahme. „Die meisten stellen uns dieselben Fragen wie Sie. Panik herrscht nicht, aber Nervosität ist definitiv da.“
Europäische Alternativen? Kaum konkurrenzfähig

Könnte Deutschland eigene Quellen erschließen? „Versuche gab es – zum Beispiel in Storkwitz. Aber die Vorkommen waren zu klein, die Kosten zu hoch.“ Auch neue Fundorte in Skandinavien würden durch Umweltauflagen und langwierige Genehmigungen ausgebremst. Rüth betont: „Von einem Rohstoffvorkommen bis zur marktfähigen Produktion ist es ein weiter Weg.“
Zwar sei es denkbar, solche Produktionsanlagen in Deutschland aufzubauen – aber nicht kurzfristig. Die Abhängigkeit von China bleibe damit auf absehbare Zeit bestehen.
Strategische Fehler: Versäumnisse in der Krisenvorsorge
Auf die Frage, ob Deutschland einfach zuschauen müsse, antwortet Rüth nüchtern: „Kein Konflikt dauert ewig. Aber wir hätten längst strategische Reserven anlegen müssen – so wie bei Öl.“ Doch statt entschlossener Maßnahmen habe es nur Denkspiele gegeben. „Uns hat bisher niemand von offizieller Seite kontaktiert.“
Der Appell ist deutlich: Ohne rasche Reaktion riskiert die deutsche Industrie nicht nur steigende Kosten, sondern einen echten Versorgungsnotstand. Denn der globale Kampf um seltene Erden hat längst begonnen – und China sitzt am längeren Hebel.