Donald Trump gibt sich einmal mehr als Retter einer „vergessenen“ Industrie: Mit einem neuen Dekret will der US-Präsident die Kohleverstromung stärken. Während er vom deutschen Vorbild schwärmt, entpuppen sich viele seiner Aussagen als reine Fiktion. Doch die Konsequenzen seiner Entscheidung sind real – für Umwelt, Energiepolitik und das globale Machtspiel um die Zukunft der Energieversorgung.
Trumps Rückkehr zur Kohle: Symbolpolitik mit Schutzhelm
Der neue Erlass aus dem Weißen Haus markiert eine Rückbesinnung auf fossile Energie – und das mit voller Absicht. Vor laufenden Kameras und umgeben von Bergleuten mit Schutzhelmen unterschrieb Donald Trump das Dekret, das sämtliche Maßnahmen zur Einschränkung von Kohleförderung und -export aufheben soll. Zudem plant die Regierung, die Laufzeiten alter Kohlekraftwerke zu verlängern – alles im Namen von Arbeitsplätzen und angeblicher Versorgungssicherheit.
Der Präsident erklärte, dass die steigende Nachfrage nach Energie – befeuert durch KI-Rechenzentren, Kryptowährungen und Elektromobilität – eine Renaissance der Kohle rechtfertige. Tatsächlich verzeichneten die USA zuletzt erstmals seit zwei Jahrzehnten wieder einen Anstieg des Stromverbrauchs. Doch die Frage bleibt: Ist Kohle wirklich die Antwort darauf?
Kohle als Arbeitsplatzgarant? Ein trügerisches Versprechen
Eines der zentralen Argumente Trumps lautet: Mehr Kohle gleich mehr Jobs. Die Zahl der Beschäftigten im US-Kohlebergbau sei in den letzten zehn Jahren von 70.000 auf rund 40.000 gesunken – ein Niedergang, den Trump rückgängig machen will. Doch Experten sind skeptisch, ob dieses Ziel mit politischen Dekreten allein erreichbar ist.
Automatisierung, günstigeres Erdgas und der Aufstieg erneuerbarer Energien haben die Branche nachhaltig verändert. Selbst bei einer Lockerung von Umweltauflagen würden moderne Kohleanlagen kaum zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Die Erzählung vom „Wiederaufbau“ wirkt daher vor allem symbolisch – gerichtet an eine Wählerbasis, die sich wirtschaftlich abgehängt fühlt.
Was US-Dekrete wirklich bewirken – und wo ihre Grenzen liegen
In den USA besitzen sogenannte Executive Orders, also präsidentielle Dekrete, weitreichende Macht. Präsidenten können damit Behörden direkt anweisen, Gesetze interpretieren oder Ausnahmeregelungen treffen – vorbei am üblichen Gesetzgebungsverfahren. Das birgt politische Sprengkraft: Der Kongress kann zwar reagieren, etwa durch Gesetzesinitiativen oder Budgetkürzungen, doch auch hier hat der Präsident ein Vetorecht.
Gerichte wiederum können Dekrete kippen, wenn sie verfassungswidrig sind – wie im Fall von Trumps berüchtigtem Einreiseverbot („Muslim Ban“) oder seinem Vorstoß zur Abschaffung des Geburtsrechts auf Staatsbürgerschaft. Auch jetzt ist fraglich, ob sein neues Kohle-Dekret vor Gericht Bestand hat, sollte es zu Klagen von Umweltorganisationen oder betroffenen Bundesstaaten kommen.
Der angebliche deutsche Kohleboom – ein Trugbild
Um seine Argumente zu untermauern, verweist Trump regelmäßig auf Deutschland. Dort, so behauptet er, würden ständig neue Kohlekraftwerke gebaut – eine Aussage, die faktisch falsch ist. Das letzte neue Kohlekraftwerk in Deutschland ging laut Bundesnetzagentur im Jahr 2020 ans Netz. Seither ist der Anteil von Kohlestrom am Energiemix kontinuierlich gesunken.
Laut Statistischem Bundesamt ist die Stromerzeugung aus Kohle in Deutschland rückläufig – sowohl absolut als auch prozentual. Dennoch verbreitete Trump auch beim Besuch des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu erneut die Behauptung, dass Deutschland wöchentlich neue Kohlekraftwerke in Betrieb nehme. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Klimapolitischer Rückschritt mit globaler Wirkung
Die Kohleverstromung gilt als der klimaschädlichste Weg der Energiegewinnung – noch vor Öl und Gas. Beim Verbrennen von Kohle entstehen nicht nur enorme Mengen CO₂, sondern auch Schadstoffe, die mit Lungen- und Herzerkrankungen in Verbindung gebracht werden. Umweltschützer weltweit reagieren daher alarmiert auf Trumps energiepolitische Kehrtwende.
„Die Trump-Regierung lebt in der Vergangenheit“, sagt Kit Kennedy vom Natural Resources Defense Council. Während andere Länder versuchen, ihre Energieversorgung zu dekarbonisieren und zukunftsfähig zu gestalten, setzt Trump auf ein Modell von gestern – teuer, schmutzig und ineffizient.
Was bleibt von Trumps Energievision?
Donald Trumps Versuch, Kohle zu rehabilitieren, offenbart weniger eine strategische Vision als eine politische Geste. Er will seine Basis mobilisieren, die sich vom Strukturwandel vergessen fühlt. Doch seine Aussagen über Deutschland entlarven sich als politische Fiktion – und die wahren Herausforderungen der Energiewende bleiben ungelöst.
Während die Welt über grüne Transformationen, Speicherlösungen und Netzstabilität debattiert, setzt der US-Präsident auf eine Energieform, die nicht nur ökologisch fragwürdig ist, sondern auch ökonomisch längst überholt. Die Frage ist nicht, ob Kohle ein Comeback feiert – sondern ob sich ein Land langfristig leisten kann, an ihr festzuhalten.
Quelle: www.zeit.de