Am Abend des 8. Mai jubelten Tausende auf dem Petersplatz – weißer Rauch kündigte das Ende eines der kürzesten Konklave der Kirchengeschichte an. Was nach außen so reibungslos wirkte, war intern ein regelrechter Stimmungsumschwung. Nicht Kardinal Pietro Parolin, lange als sicherer Nachfolger gehandelt, sondern der US-Amerikaner Robert Francis Prevost wurde zum Papst gewählt. Wie kam es dazu?
Vom Unbekannten zum Papst mit 100 Stimmen
Laut Wall Street Journal stieg Prevosts Stimmenanzahl mit jedem Wahlgang, während Parolin – der als Favorit galt – nicht über 40 Stimmen hinauskam. Als das Konklave begann, lag Parolin klar vorn. Doch während andere Kandidaten das Feld zersplitterten, sammelte Prevost hinter den Kulissen Unterstützer.
Am entscheidenden Nachmittag des 8. Mai erreichte Prevost die Zweidrittelmehrheit – 89 Stimmen waren notwendig, am Ende bekam er 100. Die Stimmung im Saal: respektvoll und überrascht. Selbst Prevost habe laut Augenzeugen zunächst mit geschlossenen Augen das Ergebnis aufgenommen, dann gelächelt – ein Moment der Überwältigung.
Überraschung auch unter Kardinälen
Prevost war kein Name, der auf Wettlisten weit oben stand. Plattformen wie Polymarket sahen Parolin, Zuppi oder Tagle als Favoriten. Kardinal David von den Philippinen gestand offen: „Ich kannte nicht einmal seinen Namen.“
Auch Kardinal Luis Tagle erinnert sich daran, wie Prevost während des Konklaves nach dem Ablauf fragte. Prevost hatte keinerlei Konklave-Erfahrung, Tagle dagegen war bereits 2013 dabei. Dass ein Neuling den Sieg davontragen würde, war für viele kaum vorstellbar.
Die Rede, die alles veränderte

In Gesprächen vor dem Konklave war Prevost laut mehreren Kardinälen unauffällig. Doch kurz vor der Entscheidung hielt er eine zweite Rede, in der er sich klar zum Synodalen Weg bekannte – ein zentrales Anliegen der Anhänger von Papst Franziskus.
Dieser Moment, so berichten unter anderem Kardinäle aus Spanien und Ecuador, kippte die Stimmung. Prevost sprach von „Synodalität als Zusammenarbeit“ – und traf damit genau den Nerv jener, die Franziskus’ Linie fortgeführt sehen wollten. Parolin dagegen habe das Thema bewusst ausgelassen, was einige als deutliches Zeichen interpretierten.
Taktik beim Mittagessen
Der Wendepunkt kam offenbar in der Mittagspause des zweiten Konklavetags. Bei Pasta und Gesprächen zeichnete sich Prevosts Kandidatur als Konsenskandidat ab. Kardinal Blase Cupich formulierte es treffend: „Beim Mittagessen wurden die Dinge geklärt.“
Danach reichte ein Wahlgang – Prevost saß bei der entscheidenden Abstimmung zufällig auf dem Platz, auf dem auch Jorge Mario Bergoglio 2013 saß, als er zu Papst Franziskus gewählt wurde.
Die Wahl: Ein Gentleman-Moment
Als höchstrangiger Kardinal stellte ausgerechnet Parolin die traditionelle Frage: „Akzeptierst du deine Wahl zum Papst?“ Prevost antwortete schlicht: „Ich akzeptiere.“ Auf die Frage nach dem Namen antwortete er: „Leo“. Damit verweist er auf Leo XIII. – Begründer der katholischen Soziallehre.
Parolin war auch der Erste, der den Ring des neuen Papstes Leo XIV. küsste. Ein symbolischer Akt der Anerkennung – trotz der eigenen Niederlage. „Parolin ist ein Gentleman“, sagte Kardinal William Goh aus Singapur.
Ein Papst der leisen Töne – mit großer Wirkung
Leo XIV. startete als Außenseiter – und gewann durch Integrität, ruhiges Auftreten und das richtige Thema zur richtigen Zeit. Seine Wahl zeigt, wie sehr sich die katholische Kirche nach einem verbindenden, gemäßigten Kurs sehnt – und wie sehr das Konklave sich trotz aller Spekulationen seinen eigenen Weg bahnt.
Quelle: NTV.