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Wissenschaft

„Es gab Bedingungen für Leben auf dem Mars“ – Exklusivinterview mit der NASA über Curiositys Mission

Mehr als ein Jahrzehnt nach der Landung auf dem Mars liefert der NASA-Rover Curiosity weiterhin bahnbrechende Erkenntnisse. In einem exklusiven Gespräch mit Gizmodo erklärt Dr. Elena Amador-French vom Jet Propulsion Laboratory, warum die Mission noch lange nicht vorbei ist – und was wir wirklich über mögliches Leben auf dem roten Planeten wissen.
Von Martín Nicolás Parolari Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Vom Zwei-Jahres-Plan zur Langzeitmission

Ursprünglich war Curiosity für eine zweijährige Mission ausgelegt. Heute, 13 Jahre später, rollt der Rover immer noch zuverlässig über die Marsoberfläche. Seine Daten helfen der Wissenschaft, die geologische und klimatische Vergangenheit des Planeten zu rekonstruieren – und bereiten den Boden für künftige Missionen.

„Wir können sagen, dass es die Bedingungen für Leben gegeben hat“, erklärt Amador-French. Damit meint sie: flüssiges Wasser, eine Energiequelle und chemische Grundbausteine wie Kohlenstoff, Sauerstoff oder Schwefel – allesamt Voraussetzungen, die Curiosity im Gale-Krater nachweisen konnte.

Der Gale-Krater: Ein früher Lebensraum?

„Es gab Bedingungen für Leben auf dem Mars“ – Exklusivinterview mit der NASA über Curiositys Mission
© NASA JLP.

Der Landeplatz war kein Zufall: Der Gale-Krater liegt am Mars-Äquator und zeigte in Satellitenbildern Hinweise auf einen früheren See. Ziel der Mission war es, nach Spuren von Wasser und anderen lebensfreundlichen Bedingungen zu suchen.

Mit speziellen Instrumenten analysierte Curiosity Gesteine, entdeckte Tonminerale (die sich nur in dauerhaft feuchten Umgebungen bilden) sowie Elemente wie Eisen, Schwefel und Kohlenstoff. Das Ergebnis: Der Krater war einst lebensfreundlich – zumindest theoretisch.

„Wir haben keine Lebenszeichen gefunden“, betont Amador-French. „Aber wir wissen, dass es ein Umfeld gab, in dem Leben möglich gewesen wäre.“

Organische Moleküle: Die Bausteine des Lebens

Besonders spannend war die Entdeckung komplexer organischer Moleküle durch das Analyseinstrument SAM. Diese Moleküle sind keine Beweise für Leben, aber sie gelten als „Bausteine“, die für die Entstehung komplexer Lebensformen notwendig wären.

„SAM hat die bisher größten organischen Moleküle auf dem Mars entdeckt“, so Amador-French. Die Analyse habe Jahre gedauert – und gibt nun Anlass zu weiteren Untersuchungen.

Curiosity als Wegbereiter für Perseverance

Während Curiosity keine Proben zur Erde zurückbringen kann, bereitet seine Arbeit den Weg für den Rover Perseverance. Dieser erkundet das Jezero-Kratergebiet und sammelt gezielt Material, das bei künftigen Missionen zur Erde gebracht werden soll.

„Die Erkenntnisse aus dem Gale-Krater gaben uns den Mut, auch andere Regionen wie Jezero zu untersuchen“, sagt die Wissenschaftlerin.

„Es gab Bedingungen für Leben auf dem Mars“ – Exklusivinterview mit der NASA über Curiositys Mission
© NASA JLP.

Der Alltag eines Marsroboters: Präzision auf Millionen Kilometer Entfernung

Hinter Curiosity steht ein internationales Team aus über 200 Fachleuten. Jeden Mars-Tag wertet ein kleines Kernteam neue Daten aus und plant, was der Rover als Nächstes tun soll – innerhalb von nur sechs Stunden.

„Das ist wie eine tägliche Choreografie zwischen Wissenschaft und Technik“, erklärt Amador-French. Das Team entscheidet, welche Steine analysiert werden, welche Fotos wichtig sind und wie viel Energie verbraucht werden darf.

Dabei spielen Faktoren wie Geländeform, Sichtverhältnisse und Batterieladung eine zentrale Rolle. „Es ist, als würden wir eine tägliche Behandlungsroutine für einen Patienten schreiben, der allein auf einem anderen Planeten lebt“, scherzt sie.

Wie autonom ist Curiosity?

Trotz moderner Technik ist Curiosity stark vom Bodenteam abhängig. Zwar kann der Rover unter günstigen Bedingungen selbstständig navigieren, etwa bei flachem Terrain. Doch bei Hindernissen oder steilem Gelände greift das Team ein – jede Beschädigung wäre fatal.

„Wenn etwas kaputtgeht, können wir es nicht reparieren. Deshalb behandeln wir den Rover wie ein Baby“, sagt Amador-French.

Plutonium statt Sonnenlicht: Ein Blick unter die Haube

Curiosity wird nicht durch Sonnenlicht, sondern durch die Wärme von Plutonium-238 betrieben. Das verlängert seine Einsatzzeit, hat aber eine natürliche Begrenzung – die Radioaktivität nimmt jährlich ab.

Laut Amador-French könnte der Rover noch fünf bis zehn Jahre durchhalten, abhängig vom Zustand der Systeme. Anders als frühere Rover wurde Curiosity von Anfang an robuster gebaut – auch wenn das ursprüngliche Budget nur für zwei Jahre ausgelegt war.

Ein Meilenstein für die Marsforschung

Die Leistung von Curiosity geht weit über punktuelle Entdeckungen hinaus. Während der Rover den zentralen Mount Sharp erklimmt, durchquert er geologische Schichten, die wie Seiten eines Geschichtsbuchs wirken.

„Jeder Höhenmeter steht für tausende Jahre Marsgeschichte“, erklärt Amador-French. „Wir sehen den Übergang von einem feuchten, lebensfreundlichen Mars zu der kalten, trockenen Welt, die wir heute kennen.“

Curiosity liefert den Kontext, den Perseverance nun mit konkreten Proben ergänzt. „Curiosity ist das Auge, Perseverance die Hände. Eines ohne das andere ergibt keinen Sinn.“

„Es gab Bedingungen für Leben auf dem Mars“ – Exklusivinterview mit der NASA über Curiositys Mission
© NASA JLP – Gizmodo.

Noch lange kein Stillstand in Sicht

Trotz seines Alters überrascht der Rover weiterhin. Jüngste Funde zeigen erhöhte Schwefelkonzentrationen – Hinweise auf Trockenheit und mögliche vulkanische Aktivität in späteren Mars-Epochen.

„Wir betreten eine Zone, in der sich alles verändert: Der Mars wurde rauer, unwirtlicher“, sagt Amador-French. Wann die Mission endet, weiß niemand – aber das Team ist sich bewusst: Irgendwann wird der Strom ausgehen. Und Curiosity wird still auf dem Hang des Mount Sharp stehen, als stiller Zeuge einer einzigartigen Mission.

„Solange wir Energie haben, wird Curiosity weiterarbeiten. Und die Wissenschaft auch.“

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