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Tech

OpenAI will Chrome? Warum der KI-Riese plötzlich auf Googles Browser schielt

Was wäre, wenn Google seinen Chrome-Browser verkaufen müsste? Für OpenAI wäre das offenbar ein echter Glücksfall. Wie jetzt bekannt wurde, würde der KI-Gigant durchaus zuschlagen – falls ein Gericht Google dazu zwingt, sich von seinem Zugpferd im Browsermarkt zu trennen.
Von AJ Dellinger Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Ein heißes Gerücht – mit echtem Hintergrund

Während Google sich aktuell vor Gericht gegen den Vorwurf eines illegalen Monopols auf Online-Suche verteidigt, sorgt ein Nebensatz im Verfahren für Aufsehen: Nick Turley, Produktchef von ChatGPT bei OpenAI, ließ durchblicken, dass sein Unternehmen großes Interesse am Chrome-Browser hätte – falls dieser zur Disposition stünde. Das berichtet Bloomberg.

Klingt erst mal verrückt? Nicht wirklich. Chrome ist mit rund 3,45 Milliarden Nutzer*innen weltweit der mit Abstand meistverwendete Browser. Wer ihn besitzt, kontrolliert nicht nur einen wichtigen Zugangspunkt zum Internet – sondern auch potenziell Milliarden von Geräten. Kein Wunder, dass laut Turley auch „viele andere Parteien“ auf einen möglichen Verkauf schielen würden.

Der Frust mit Google – und ein Plan B?

OpenAI hat bislang wenig Erfolg dabei, ChatGPT in Googles Ökosystem zu integrieren. Verständlich, denn mit Gemini betreibt Google mittlerweile einen eigenen Chatbot, der direkt mit ChatGPT konkurriert. Turley bezeichnete Suchtechnologie im Verfahren als „entscheidend“ für OpenAIs Ziel, einen universellen digitalen Assistenten zu schaffen. Doch Google blockt.

Die Konsequenz? OpenAI würde lieber mit jemand anderem ins Geschäft kommen – oder selbst das Spielfeld übernehmen. Turley nutzte seine Aussage auch, um das Gericht indirekt davon zu überzeugen, dass Chrome im Sinne des Wettbewerbs besser außerhalb von Googles Kontrolle aufgehoben wäre.

Warum OpenAI ein Browser-Fan geworden ist

Der Grund ist simpel: Verbreitung. ChatGPT auf mehr Geräte zu bringen, sei aktuell schwierig – besonders auf Android. Zwar ist die App auf iOS populär (aktuell auf Platz zwei der kostenlosen Apps), doch auf Android steht Google sich selbst im Weg. Laut Turley bevorzugt Google beim vorinstallierten KI-Zugang sein eigenes Produkt Gemini – und zahlt Herstellern wie Samsung „enorme Summen“, um diese Vorzugsbehandlung zu sichern.

OpenAI wollte ebenfalls auf Samsung-Geräte, blitzte jedoch ab. Turley machte klar: „Das lag nicht an mangelndem Einsatz.“

Und das ist nicht das einzige Problem: Apple und Google betreiben die wichtigsten App-Stores der Welt. Wer dort bevorzugt wird, kontrolliert den Zugang zu digitalen Produkten. Im Zweifel entscheiden also Google und Apple, welche KI-Apps Nutzer*innen überhaupt zu Gesicht bekommen.

Und was ist mit Microsoft?

Die ganze Geschichte wirkt ein wenig paradox – schließlich wird OpenAI selbst mit satten 13 Milliarden US-Dollar von Microsoft finanziert. Und Microsoft hat ChatGPT bereits tief in seine Produkte integriert: in Bing, in Edge, in Office und sogar in eigene Geräte.

Offenbar reicht das OpenAI aber nicht. Denn selbst wenn Microsoft ein Verbündeter ist, will man wohl nicht allein auf dessen Infrastruktur angewiesen sein. Ein eigener Browser – oder besser gesagt: DER Browser – wäre ein gewaltiger Schritt in Richtung Unabhängigkeit.

Chrome? Oder einfach selbst bauen?

Falls Chrome nicht verkauft wird, könnte OpenAI theoretisch auch einen eigenen Browser entwickeln. Immerhin basiert Chrome auf Chromium, einem Open-Source-Projekt, das auch Browser wie Microsoft Edge oder Opera nutzen. Laut Bloomberg denkt OpenAI seit Ende 2023 aktiv darüber nach, einen eigenen Browser zu bauen.

Doch warum den mühseligen Weg gehen, wenn man gleich den Marktführer übernehmen könnte?

Ein offenes Netz – oder doch nur ein weiteres Monopol?

Kritiker*innen könnten anmerken, dass OpenAI selbst kein Unschuldslamm ist. Auch das Unternehmen verfolgt wirtschaftliche Interessen und würde Chrome vermutlich nutzen, um ChatGPT Search direkt zu pushen. Eine neutrale Plattform wäre das kaum.

Doch für OpenAI steht viel auf dem Spiel. Wenn der Zugang zu Nutzer*innen zunehmend von wenigen Tech-Giganten kontrolliert wird, geraten kleinere Anbieter – selbst milliardenschwere Start-ups – ins Hintertreffen. Ein Browser wie Chrome könnte das Spielfeld neu sortieren.

Und für die US-Regierung ist das vielleicht sogar willkommen: Ein Chrome ohne Google wäre ein symbolträchtiger Schritt im Kampf gegen digitale Monopole.

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