Seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges liegt der Fokus der Weltöffentlichkeit auf den militärischen Auseinandersetzungen. Doch ein ebenso brutales und weitgehend unbeachtetes Phänomen breitet sich aus: der gezielte Einsatz von Hunger als Kriegswaffe. Unterernährung ist hier keine unbeabsichtigte Folge – sie ist Teil einer kalkulierten Strategie, die grundlegende Menschenrechte verletzt.
Der Hunger als Strafe in Gefängnissen

Berichte von Amnesty International und den Vereinten Nationen dokumentieren alarmierende Zustände in Gefängnissen, in denen ukrainische Soldaten festgehalten werden. Die sogenannten Mandela-Regeln der UNO, die Mindeststandards für die Behandlung von Gefangenen festlegen, werden regelmäßig ignoriert. Diäten, die ausschließlich aus Brot und Wasser bestehen, starker Gewichtsverlust und die Verweigerung medizinischer Hilfe machen die Nahrungsversorgung zu einem Instrument psychischer und physischer Folter.
Forschungen von Experten wie Ergun Cakal zeigen: Die absichtliche Nahrungsentziehung stellt nicht nur einen Verstoß gegen das Recht auf Gesundheit dar, sondern kann als Kriegsverbrechen nach internationalem humanitärem Recht gewertet werden. Diese Praktiken sind keine Einzelfälle, sondern Teil einer gezielten Strategie der Repression – mit verheerenden Folgen.
Vom „Kornspeicher Europas“ zum hungernden Land
Traditionell galt die Ukraine als eine der fruchtbarsten Agrarnation Europas. Doch durch Bombardierungen, Blockaden und gezielte Sabotage der Infrastruktur ist die landwirtschaftliche Produktion drastisch eingebrochen. Besonders in besetzten oder belagerten Gebieten herrscht akuter Lebensmittelmangel – Zivilisten, Kinder, Alte und Vertriebene sind am stärksten betroffen.
Doch die Auswirkungen reichen weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Weltweit steigen die Lebensmittelpreise, die Inflation zieht an und Länder, die auf ukrainische Agrarimporte angewiesen sind, stehen vor neuen Hungersnöten. Der Krieg ist längst keine rein regionale Tragödie mehr – er gefährdet die globale Ernährungssicherheit.
Hunger als Waffe: eine alte und verurteilte Taktik
Der Einsatz von Nahrungsmangel als Machtinstrument ist kein neues Phänomen. Schon in der Antike, aber auch im 20. Jahrhundert, wurde Hunger genutzt, um Gegner zu brechen und ganze Bevölkerungen zu kontrollieren. In der Ukraine ruft diese Strategie ein kollektives Trauma wach: den Holodomor, die von Stalin verursachte Hungersnot, der Millionen Ukrainer zum Opfer fielen.

Fachleute wie Joaquín David Rodríguez und Jakov Kandido betonen, dass es zwar internationale Verbote gegen den Einsatz von Hunger als Waffe gibt, deren Umsetzung jedoch oft mangelhaft bleibt. Was heute in der Ukraine geschieht, ist nicht neu – aber dennoch inakzeptabel.
Jetzt handeln – nicht später
Internationale Reaktionen dürfen sich nicht auf humanitäre Hilfe beschränken. Der Einsatz von Hunger als Kriegswaffe muss untersucht, dokumentiert und strafrechtlich verfolgt werden. Jurist*innen wie Jelena Pejic erinnern daran, dass der Zugang zu Nahrung kein Akt der Großzügigkeit ist, sondern eine rechtliche und moralische Pflicht.
Unterernährung im Ukrainekrieg ist kein Kollateralschaden, sondern eine gezielte Strategie. Deshalb muss das Recht auf Nahrung im Zentrum jeder rechtlichen, politischen und humanitären Reaktion stehen. Nur durch Anerkennung und Bestrafung dieser Praxis kann verhindert werden, dass sie sich wiederholt.
Quelle: The Conversation