Im Norden Europas verändert sich etwas
Es sind keine Bomben zu hören, doch im Norden Europas ist ein Wandel spürbar. Norwegen, Schweden und Finnland ordnen ihre Sicherheitsstrategien neu angesichts einer neuen Bedrohungslage: Sabotageakte, Cyberangriffe und ein zunehmend unberechenbares Russland. Das Konzept der „Totalverteidigung“ ist längst keine abstrakte Idee mehr, sondern aktive Politik – und Städte wie Kongsberg bereiten sich auf das Schlimmste vor.
Kongsberg: Eine Stadt in Alarmbereitschaft wie 1944

Kongsberg, bekannt für seine Rüstungsindustrie, spielt erneut eine Schlüsselrolle – 80 Jahre nachdem norwegische Widerstandskämpfer dort gegen die Nazi-Besatzer kämpften. Heute, mit 27.000 Einwohnern und Fabriken, die Raketen für den Krieg in der Ukraine liefern, ergreift die Kommune konkrete Maßnahmen.
Wie The Independent en Español berichtet, werden verlassene Luftschutzbunker aus dem Kalten Krieg restauriert, neue Satelliten-Kommunikationssysteme installiert und die Behörden arbeiten mit dem Militär zusammen, um die Logistik eines möglichen Einsatzes westlicher Truppen zu planen. „Die Lektion aus der Ukraine war eindeutig: Alle haben zusammengearbeitet“, erklärt Odd John Resser, örtlicher Notfallkoordinator.
Auch die Bevölkerung beginnt, Lebensmittel, Wasser und Vorräte zu lagern – obwohl die Umstellung nicht überall willkommen ist. Jahrzehnte des Friedens prallen auf eine unangenehme Realität: Russland ist bedrohlich nah.
Totalverteidigung: Von Bürgerhandbüchern bis zu Atomschutzbunkern

In den nordischen Ländern bedeutet „Totalverteidigung“ mehr als nur militärische Mobilmachung. In Schweden können alle Bürgerinnen und Bürger zwischen 16 und 70 Jahren im Krisenfall zum Dienst gerufen werden – sei es zum Kämpfen, zum Löschen von Bränden oder zur Hilfe in Krankenhäusern.
Finnland verfügt über Schutzräume für 86 % der Bevölkerung. In Helsinki kann ein einziger unterirdischer Bunker bis zu 6.000 Menschen aufnehmen – ausgestattet mit Betten, Waschräumen und sogar einem Hockeyfeld.
Norwegen plant die Wiedereinführung der Pflicht, Bunker in Neubauten zu errichten, und verteilt bereits Handbücher mit Fragen wie: „Was würden Sie tun, wenn der Strom tagelang ausfällt?“ Die Botschaft ist klar: Nicht alles dem Staat überlassen – Vorsorge beginnt zu Hause.
Sabotage und Angst: Der unsichtbare Krieg
Norwegische Behörden vermuten, dass Sabotageakte bereits stattfinden. 2024 versuchte ein Aktivist, Triebwerke für Flugzeuge zu zerstören, Drohnen wurden in gesperrten Gebieten gesichtet, und der Sicherheitsperimeter sensibler Fabriken wurde mehrfach verletzt. Für Even Tvedt, Sicherheitschef bei der Kongsberg-Gruppe, sind dies unmissverständliche Warnsignale: „Man weiß nie, ob es ein Kind mit einer Drohne ist – oder eine Generalprobe für etwas Größeres.“
Sicherheitsexperten warnen, dass Russland seine Aktivitäten in Europa auf ein Niveau „wie vor einem Krieg“ ausgeweitet habe. Und auch wenn nicht alle sich an der Frontlinie sehen, sind sich die nordischen Regierungen einig: Jetzt vorbereitet sein – bevor es zu spät ist.