Zum Inhalt springen
Welt

Was ist los mit der Pressefreiheit? Warum Journalist:innen immer öfter zur Zielscheibe werden

Die Gewalt gegen Medienschaffende in Deutschland hat sich dramatisch verschärft – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Hinter den Übergriffen steht mehr als Wut auf die Medien: Es geht um politische Lager, gezielte Feindbilder und die gefährliche Erosion eines Grundpfeilers der Demokratie.
Von

Lesezeit 2 Minuten

Reporter werden geschlagen, bespuckt oder mit Eiern beworfen – in Deutschland, im Jahr 2024. Was früher wie Szenen aus autoritären Staaten wirkte, ist inzwischen bittere Realität im eigenen Land. Ein neuer Bericht von Reporter ohne Grenzen offenbart beunruhigende Zahlen und Tendenzen. Die Presse sieht sich nicht nur körperlicher Gewalt, sondern auch wachsender Feindseligkeit und strukturellem Misstrauen ausgesetzt.

Gewalt auf offener Straße: Wenn Berichterstattung gefährlich wird

8
© iStock.

Die Zahl der tätlichen Angriffe auf Journalist:innen hat sich in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. 89 dokumentierte Fälle zählt die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) in ihrem Bericht „Nahaufnahme 2025“ – und verweist auf eine Entwicklung, die vor allem bei öffentlichen Demonstrationen sichtbar wird. Besonders betroffen: Veranstaltungen rund um den Nahost-Konflikt, aber auch Kundgebungen der rechten Szene oder von Abtreibungsgegnern.

Die Angriffe reichen von gezielten Tritten, Schlägen und Attacken mit Fahnenstangen bis hin zu Pfefferspray, Eierwürfen und Kaffeebechern. Dabei traf die Gewalt nicht nur Menschen, sondern auch Redaktionsgebäude und private Wohnhäuser von Journalist:innen. Der Report spricht von Fällen, in denen Medienschaffende regelrecht am Boden liegend traktiert wurden.

Unsichtbare Gefahr: Die stille Eskalation im Lokalen

9
© iStock.

Ein besonders alarmierender Aspekt ist die vermutete Dunkelziffer. Gerade Lokaljournalist:innen, die oft wiederholt Zielscheibe werden, melden viele Übergriffe gar nicht erst – sei es aus Angst, Ohnmacht oder weil sie sich ohnehin allein gelassen fühlen. RSF betont: Vor allem aus dem rechtsextremen Spektrum seien systematische Einschüchterungsversuche zu beobachten, häufig jenseits der öffentlichen Wahrnehmung.

Parallel zur körperlichen Gewalt wächst die gesellschaftliche Abwertung: Journalist:innen gelten zunehmend als „Gegner“, wenn sie nicht in das politische Weltbild der Demonstrierenden passen. Die Berichterstattung über den Gaza-Krieg 2023 offenbarte laut RSF eine „Verengung des Meinungskorridors“, besonders im Kontext von Israel und Palästina – ein Indiz für zunehmende Einseitigkeitserwartungen an Medienhäuser.

Zwischen Vielfalt und Verdrängung: Wie stabil ist die Pressefreiheit wirklich?

Trotz der alarmierenden Entwicklungen bleibt Deutschland in der globalen Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 10 von 180 Staaten. Doch der Schein trügt: Wirtschaftlicher Druck, Medienkonzentration und das Verschwinden unabhängiger Lokalzeitungen gefährden die Vielfalt. Der Anteil der Landkreise mit nur noch einer Tageszeitung ist seit 1992 von 33,5 auf 46,75 Prozent gestiegen – ein Verlust an Meinungspluralität auf leisen Sohlen.

Die neue Rangliste der Pressefreiheit wird am 3. Mai veröffentlicht. Bleibt Deutschland unter den Top Ten? Oder zeigt sich dort, was der neue RSF-Bericht längst ankündigt: Dass Pressefreiheit in Deutschland längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist?

Quelle: www.zdf.de

Diese Geschichte teilen

Verwandte Artikel