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Welt

Tragödie in Indien: Das Flugzeug, das ein Ex-Boeing-Mitarbeiter nie betreten hätte

Der schlimmste Flugzeugabsturz seit Jahren erschüttert Indien – und lenkt den Blick erneut auf Boeings Dreamliner-Serie. Denn das verunglückte Modell war exakt jenes, vor dem ein inzwischen verstorbener Whistleblower eindringlich gewarnt hatte.
Von Lucas Ropek Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Die Warnung vor dem Dreamliner – und ihr tragisches Echo

John Barnett, ein ehemaliger Qualitätsmanager bei Boeing, hatte das Unternehmen bereits vor Jahren öffentlich kritisiert. Insbesondere das Werk in South Carolina, in dem der 787 Dreamliner produziert wird, bezeichnete er als problematisch: schlampige Arbeitsweisen, gefährlich schlechte Kontrolle, und ein interner Druck, Geschwindigkeit über Sicherheit zu stellen. Barnett weigerte sich sogar, selbst in einen Dreamliner zu steigen.

Tragischerweise starb Barnett 2023 unter bis heute ungeklärten Umständen – mitten in einem laufenden Rechtsstreit mit Boeing. Offiziell gilt sein Tod als Suizid, doch viele Beobachter vermuten mehr dahinter. Nun hat sich seine Warnung auf erschütternde Weise bewahrheitet.

Absturz in Indien: Kaum Überlebende, viele Fragen

Am Donnerstag stürzte ein Boeing 787 Dreamliner über der indischen Stadt Ahmedabad ab. Fast alle Passagiere kamen ums Leben – es war das schwerste Luftfahrtunglück seit Langem. Die genauen Ursachen werden wohl erst in Monaten geklärt sein, doch der Fokus richtet sich bereits jetzt wieder auf die Konstruktion des Flugzeugs selbst.

Falls der Absturz auf ein technisches Versagen zurückzuführen ist, dürfte das für viele keine Überraschung sein. Denn Barnett war nicht der Einzige, der die Dreamliner-Serie kritisch sah.

Ein Jet mit Startproblemen

Der 787 Dreamliner wurde 2011 als modernes, leichteres und kostengünstiger herzustellendes Langstreckenflugzeug vorgestellt. Doch bereits früh hagelte es Kritik. Die Produktion verlief über ein komplexes Netzwerk von Subunternehmen, was teils zu schlechter Kommunikation und mangelnder Qualitätskontrolle führte.

Ein Luftfahrtexperte kommentierte damals süffisant, es sei, als hätte Boeing beschlossen: „Scheiß drauf – wir werfen alles über Bord, was wir je über Flugzeugbau wussten.“ Besonders der hohe Grad an ausgelagerter Fertigung war problematisch: Wenn zu viele Komponenten von zu vielen Firmen kommen, drohen Passungenauigkeiten – gerade bei einem so komplexen System wie einem Verkehrsflugzeug.

Technische Probleme und Skandale

Ab dem Jahr 2013 häuften sich die technischen Zwischenfälle beim Dreamliner. Akkubrände führten dazu, dass die US-Luftfahrtbehörde FAA alle 787 vorübergehend aus dem Verkehr zog. Es folgten Softwareprobleme, Treibstofflecks und andere schwerwiegende Mängel.

2019 berichtete die New York Times erstmals detailliert über das Dreamliner-Werk in Charleston. Der Bericht sprach von „katastrophaler Produktionsqualität und mangelnder Aufsicht“. Barnett selbst kam darin ausführlich zu Wort – mit einem vernichtenden Urteil: „Ich habe noch keinen einzigen Flieger aus Charleston gesehen, auf den ich meinen Namen setzen würde.“

Weitere Whistleblower schlagen Alarm

Nach Barnetts Tod meldete sich ein weiterer Ex-Mitarbeiter zu Wort: Sam Salehpour, ehemaliger Boeing-Ingenieur, warnte, die 787 könne wegen Konstruktionsfehlern „in der Luft auseinanderbrechen“. In einer Anhörung vor dem US-Kongress sprach er sogar von einem „kriminellen Vertuschungsversuch“. Auch er äußerte Angst vor möglichen Konsequenzen für seine Offenheit – ähnlich wie Barnett.

Im Frühjahr 2024 gab Boeing schließlich zu, bei der 787-Serie Dokumente gefälscht und womöglich vorgeschriebene Inspektionen nie durchgeführt zu haben – insbesondere dort, wo die Flügel mit dem Rumpf verbunden werden. Weitere ehemalige Angestellte meldeten sich mit ähnlichen Vorwürfen – und ein weiterer Whistleblower kam ums Leben.

Schweigen von Boeing

Auf Anfrage zu dem aktuellen Absturz hat Boeing bislang keine Stellungnahme abgegeben. Angesichts der jüngsten Enthüllungen und der Tragweite der Katastrophe dürfte der Druck auf das Unternehmen aber weiter steigen.

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