Immer mehr Fossilien landen in den Händen von Superreichen, Sammlern oder Investoren – und nicht in Museen oder Forschungseinrichtungen. Das hat dramatische Folgen für die Wissenschaft, wie eine neue Studie in Palaeontologia Electronica zeigt.
Mehr als die Hälfte der wichtigen Funde ist verloren für die Forschung
Die Zahlen sprechen für sich: Von den weltweit 141 wissenschaftlich relevanten T. rex-Fossilien befinden sich 71 – also mehr als die Hälfte – in privatem oder kommerziellem Besitz. Das Problem dabei? In der Wissenschaft ist Nachvollziehbarkeit essenziell. Selbst wenn ein Team bereits ein Fossil untersucht hat, verliert es seinen Wert für die Forschung, sobald es der Öffentlichkeit entzogen wird. Wenn ein Exemplar in einem Lagerraum verschwindet oder in einer Villa ausgestellt wird, können andere Forscher:innen es weder überprüfen noch für neue Studien heranziehen.
Fossilien als Investment – und das Dilemma der Museen
Der Run auf Dino-Knochen begann spätestens 1997, als das berühmte Fossil „Sue“ für 8,36 Millionen Dollar versteigert wurde. Seitdem gelten T. rex-Skelette als die „Picassos“ der Paläontologie. 2020 wurde „Stan“, eines der vollständigsten T. rex-Fossilien, bei Christie’s für unglaubliche 31,8 Millionen Dollar verkauft – an ein Museum in Abu Dhabi. Solche Summen sind für die meisten öffentlichen Museen schlicht nicht machbar, es sei denn, ein wohlwollender Mäzen springt ein – was allerdings selten passiert.
Und es wird teurer: Im vergangenen Jahr überholte der Stegosaurus „Apex“ den bisherigen Rekord, als Milliardär Ken Griffin ihn für 44,6 Millionen Dollar kaufte und ihn dem American Museum of Natural History in New York als Leihgabe überließ. Von den bislang fünf versteigerten T. rex-Fossilien landete allerdings nur eines dauerhaft in einem Museum: eben „Sue“.
Wissenschaft gegen Kommerz: Ein ungleicher Kampf
Befürworter:innen des privaten Fossilienmarktes argumentieren, dass sie wesentlich mehr Exemplare bergen als öffentliche Institutionen – was laut Studie sogar stimmt. Seit den 1990ern haben kommerzielle Sammler fast 2,4-mal so viele T. rex-Fossilien gefunden wie staatliche Stellen. Aber: Nur 11 % dieser Funde gelangen in öffentliche Hände. Der Rest? Liegt in Wohnzimmern, Lagern oder wartet als Wertanlage auf den nächsten Verkauf.
Besonders bitter: Gerade die wissenschaftlich spannendsten Funde – also Fossilien von Jungtieren und heranwachsenden T. rex – landen besonders häufig in Privatsammlungen. Rund 20 % der privat gehaltenen Exemplare gehören zu diesen Altersgruppen, die in der Forschung bislang kaum verstanden sind. Ohne sie bleibt unklar, wie sich T. rex im Jugendalter entwickelte oder ob es Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen gab – ein zentrales Thema in der Dinosaurierforschung.
Zugang verweigert – und trotzdem veröffentlicht?
Besonders kritisch sieht Studienautor Thomas D. Carr einen weiteren Trend: Immer mehr Studien basieren auf Fossilien, die in privatem Besitz sind – obwohl andere Wissenschaftler:innen gar keinen Zugang dazu haben. So entstehe der Eindruck, dass solche Funde wissenschaftlich akzeptiert sind, obwohl sie für die Forschung kaum nutzbar sind.
Und das Argument, dass private Sammler die Fossilien irgendwann an Museen weitergeben? Laut Carr reines Wunschdenken: „Bislang wurde kein einziges T. rex-Fossil aus privatem Besitz an eine öffentliche Institution gespendet oder verkauft“, schreibt er. „Ob sich das in Zukunft ändert, ist völlig unklar.“
Ein Fossil auf dem Weg ins Aussterben
Der Tyrannosaurus rex ist längst ausgestorben – aber seine wissenschaftliche Zukunft steht ebenfalls auf der Kippe. Wenn Fossilien nur noch als Prestigeobjekte gelten, könnte das Wissen über eines der faszinierendsten Wesen der Erdgeschichte unwiederbringlich verloren gehen.