Im Zentrum der Diskussion steht eine veröffentlichte Arbeit der Neurowissenschaftlerin Suzana Herculano-Houzel im Journal of Comparative Neurology. Darin argumentierte sie, dass theropode Dinosaurier wie T. rex eine ähnlich hohe Anzahl an Neuronen im Gehirn gehabt haben könnten wie Affen – was auf eine komplexe, flexible Intelligenz und ein langes Leben hindeuten würde.
Doch genau hier setzt das neue Forschungsteam an und widerspricht dieser These entschieden. In seiner aktuellen Veröffentlichung argumentiert das Team, dass theropode Dinosaurier „deutlich weniger Neuronen“ gehabt hätten als von Herculano-Houzel angenommen. Außerdem seien sowohl die Neuronenanzahl als auch die relative Gehirngröße nur bedingt aussagekräftige Indikatoren für Intelligenz – zumindest, wenn es um Tiere geht, die seit 66 Millionen Jahren ausgestorben sind.
„Wir halten es für problematisch, aus neuronalen Schätzungen anhand fossiler Gehirnabgüsse direkt auf die Intelligenz ausgestorbener Arten zu schließen“, erklärte Kai Caspar, Biologe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Hauptautor der neuen Studie, in einer Mitteilung der Universität Bristol.
Denn eines ist klar: Dino-Gehirne haben sich nicht gerade gut erhalten. Während Wissenschaftler gelegentlich fossile Haut entdecken, bleiben weiche Organe wie das Gehirn extrem selten – wenn überhaupt – über Millionen von Jahren erhalten. Um dennoch Rückschlüsse auf die Denkfähigkeit der Urzeitgiganten ziehen zu können, greifen Forschende zu kreativen (und oft umstrittenen) Methoden.
Herculano-Houzel nutzte in ihrer Analyse neuronale Daten heutiger Sauropsiden – also Reptilien und Vögel – und skalierte diese auf ausgestorbene Arten wie Dinosaurier und Flugsaurier. „Leserinnen und Leser sollten sich selbst ein Bild machen und die Belege analysieren“, sagte sie gegenüber der LA Times. „Das ist schließlich Wissenschaft!“
Natürlich gibt es heute viele Tiere, die erstaunliche geistige Fähigkeiten zeigen. Wenn man Forschende fragt, welche Spezies eines Tages menschenähnliche Intelligenz entwickeln könnte, bekommt man eine bunte Palette an Antworten. Selbst einige Reptilienarten benutzen Werkzeuge oder zeigen Anzeichen von Selbstbewusstsein – auch wenn sie sich immer noch von einem Zaubertrick täuschen lassen.
Doch während man lebende Tiere beobachten und testen kann, ist es ungleich schwieriger, dieselben Maßstäbe auf Tiere anzuwenden, von denen nicht einmal ein Gehirn fossil überliefert ist.
„Die Vorstellung, dass T. rex so schlau wie ein Pavian gewesen sein könnte, ist gleichermaßen faszinierend wie beängstigend – sie hätte das Potenzial, unsere Vorstellung der Urzeit komplett auf den Kopf zu stellen“, erklärte Darren Naish, Paläozoologe an der University of Southampton und Mitautor der Studie. „Aber unsere Ergebnisse sprechen klar dagegen. Viel wahrscheinlicher ist, dass T. rex eher einem sehr klugen, riesigen Krokodil ähnelte – und das ist doch genauso spannend!“
Dass gerade T. rex so im Fokus steht, überrascht kaum: Der Räuber mit den gewaltigen Kiefern und winzigen Armen ist seit Jahrzehnten ein Liebling der Popkultur – von Hollywood bis Schulbüchern. Kein anderer Dinosaurier hat sich so tief ins kollektive Gedächtnis gefressen.
Und auch wenn sich nun herausstellt, dass T. rex nicht gerade der Einstein der Urzeit war, bleibt er ein beeindruckendes Tier. Vielleicht sogar beeindruckender, wenn man bedenkt, dass er mit seinem vergleichsweise simplen Gehirn dennoch an der Spitze der Nahrungskette stand.
Eines steht fest: Es ist wesentlich sicherer – und unterhaltsamer – wenn Wissenschaftler*innen über die Intelligenz ausgestorbener Raubsaurier diskutieren, anstatt zu versuchen, sie zurück ins Leben zu holen. Denn wir alle wissen, wie solche Geschichten meistens enden…