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Netflix denkt über Podcasts nach – weil sie billiger sind als gute Filme

Podcasts sind längst im Mainstream angekommen – und jetzt will Netflix mitmischen.
Von Thomas Maxwell Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Berichten zufolge plant Netflix den Einstieg in Video-Podcasts (ist ein „Video-Podcast“ nicht einfach eine Show?) als neue Möglichkeit, Zuschauer bei der Stange zu halten. Laut Business Insider führt das Unternehmen Gespräche mit Talent-Agenturen, um bekannte Podcast-Größen für Talk-basierte Videoformate zu gewinnen – nachdem man sich zuvor skeptisch gezeigt hatte, ob das Format auf der Plattform funktionieren würde.

Diese Strategie würde kaum überraschen. Netflix steht nicht unbedingt für Prestige-Inhalte – klar, jedes Jahr gibt es ein paar teure Blockbuster, um Oscars zu gewinnen, aber der Großteil der Netflix-Produktionen ist eher günstiges, schnell vergessenes Massenfutter (zumindest ist sich Netflix der Mittelmäßigkeit seiner Filme bewusst). Die Expansion ins Live-Streaming, inklusive WWE-Wrestling, sorgt für kontinuierlichen Content-Nachschub – ohne die hohen Produktionskosten von Kinofilmen.

Ein Talent-Agent sagte Business Insider, dass vor allem die niedrigen Kosten von Podcasts für Netflix interessant seien: „Man bekommt eine riesige Menge an Inhalten für einen Bruchteil dessen, was Netflix für gescriptete und ungescriptete Produktionen zahlt.“

Günstige Inhalte statt Qualität: Netflix setzt auf Masse

Netflix ist eines dieser Abos, das man behält, weil es immer neue Serien und Filme gibt, durch die man sich durchklicken kann. Aber es ist nicht wie das alte HBO, wo man schon beim ikonischen Intro wusste: Gleich kommt Qualitäts-TV. Netflix ist eher Fast Food – aber wie Schweine am Trog verlangen die Leute danach. Und Netflix liefert.

Der Streaming-Gigant erwägt dabei verschiedene Podcast-Strategien: Entweder könnten bekannte Podcaster exklusive Inhalte für Netflix produzieren, oder Netflix zeigt einfach bestehende Shows – etwa aus YouTube – nur ohne Werbung (zumindest für zahlende Nutzer, die nicht das werbefinanzierte Abo haben).

Podcasts sind in den letzten Jahren massiv gewachsen und haben auch in der Politik eine Rolle gespielt. Besonders im letzten US-Wahlkampf konnte man sehen, wie etwa Donald Trump in Podcasts von Joe Rogan oder Theo Von auftrat. Die Videoplattform YouTube ist nach wie vor der Platzhirsch in Sachen Podcast-Konsum: Laut offiziellen Angaben wurden 2024 insgesamt 400 Millionen Stunden Podcast-Content auf Fernsehern gestreamt. Zudem zeigt Nielsen-Daten aus demselben Jahr, dass Menschen mehr Zeit damit verbringen, YouTube auf ihren Smart-TVs zu schauen als Netflix. Das ist ein Problem für Netflix, da YouTube dadurch Werbekunden anzieht, die früher ihr Geld für klassische TV-Spots ausgegeben haben. Genau da will Netflix ansetzen, vor allem, weil es seine Werbe-Abo-Modelle weiter pushen will. Auch Spotify setzt verstärkt auf Video-Podcasts, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Netflixs Identitätskrise: Wachstum um jeden Preis

Viele der Dinge, die Netflix einst besonders gemacht haben, wurden in den letzten Jahren über Bord geworfen, nur um Wachstum zu demonstrieren. Die Werbung ist da nur der Anfang. Netflix war lange dafür bekannt, ganze Staffeln auf einmal zu veröffentlichen, damit man sie bingewatchen konnte – jetzt gibt es immer mehr Serien mit klassischen, wöchentlichen Releases. Das legendäre Account-Sharing zwischen Freunden und Familie? Tot. Stattdessen gibt es jetzt billige Mobile Games im Abo, um Nutzer bei Laune zu halten.

All das passierte natürlich erst, nachdem Netflix Hollywood „disruptet“ hatte. Das Unternehmen hat dazu beigetragen, das klassische Kabelfernsehen und physische Medien zu verdrängen und Studios dazu gezwungen, ihre eigenen Streaming-Dienste mit endlosen mittelprächtigen Reboots und Remakes zu starten (siehe: Disney+). Und jetzt sitzen wir in der Streaming-Landschaft, die wir verdient haben.

Podcasts: Der nächste logische Schritt im Content-Wahn

Netflixs Einstieg ins Podcasting ist keine revolutionäre Idee, sondern einfach nur die Fortsetzung seiner bisherigen Strategie: Möglichst viel Content auf die Plattform kippen, den die Nutzer nebenbei konsumieren können. Hauptsache, sie bleiben länger auf Netflix und springen nicht zu YouTube oder Spotify ab. Bleibt nur zu hoffen, dass sie keinen Deal mit MrBeast machen.

 

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