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Geschichten

Leb wohl, Kanzi – der Bonobo, der Sprache und Minecraft meisterte

Er verstand Tausende Wörter, liebte Clint-Eastwood-Filme und zockte leidenschaftlich gern Videospiele – Kanzi, der wohl berühmteste Bonobo der Welt, ist im Alter von 44 Jahren gestorben.
Von George Dvorsky Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Mit ihm verlieren wir nicht nur ein außergewöhnlich intelligentes Tier, sondern auch ein Wesen, das unser Bild von tierischem Bewusstsein und Intelligenz für immer verändert hat.

Kanzi starb am 18. März in Des Moines, Iowa, wie die Ape Cognition and Conservation Initiative (ACCI) mitteilte – ein Forschungszentrum, das sich dem Schutz und der Erforschung von Bonobos widmet. Zwar steht die genaue Todesursache noch aus, aber laut den Pflegern wirkte Kanzi an seinem letzten Tag gesund und aktiv: Er jagte einen anderen Bonobo durch das Gehege, suchte nach Futter und pflegte soziale Kontakte. Allerdings wurde er wegen Herzproblemen behandelt – ein altersbedingtes Leiden. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 40 Jahren galt Kanzi ohnehin schon als Senior.

„Kanzi hat so viele Menschen berührt“, heißt es im Statement der ACCI. „Unser ganzes Team ist tief betroffen. In seiner Bonobo-Familie war er der Liebling – und unter Menschen war er ein Freund für alle.“

Ein Affe, der die Grenzen sprengte

Kanzi war nicht irgendein Primat. Er war eine Legende unter den Menschenaffen – also jener Gruppe, zu der auch Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und ja, wir Menschen gehören. Sein Umgang mit Sprache, seine Fähigkeit zum Werkzeuggebrauch und seine Begeisterung für das Leben machten ihn zu einem der faszinierendsten nichtmenschlichen Intelligenzwesen, die je erforscht wurden.

Geboren 1980 in Gefangenschaft, wuchs Kanzi zunächst im Yerkes Field Station in Georgia auf, einer Einrichtung der heutigen Emory National Primate Research Center. Mit fünf Jahren zog er gemeinsam mit seiner Schwester Panbanisha an das Language Research Center der Georgia State University um. Später kamen beide in das Great Ape Trust in Des Moines – eine Einrichtung, die später wegen Vorwürfen der Misshandlung und interner Skandale in Verruf geriet. Nach dem Tod von Panbanisha 2012 wurde das Zentrum vorübergehend geschlossen. 2013 hauchte die ACCI der Einrichtung neues Leben ein.

Während andere berühmte Affen wie Koko (Gorilla) oder Washoe (Schimpansin) mit Gebärdensprache kommunizierten, ging Kanzi noch einen Schritt weiter. Er konnte nicht nur Symbole verstehen und verwenden, sondern entwickelte auch ein tiefes Verständnis für gesprochene englische Sprache.

Eine Schlüsselfigur in Kanzis Leben war die Primatologin Sue Savage-Rumbaugh. Mit ihr lernte er mithilfe eines Keyboards, das mit sogenannten Lexigrammen – geometrischen Symbolen – beschriftet war, zu kommunizieren. Laut Savage-Rumbaugh verstand Kanzi am Ende rund 3.000 gesprochene Wörter.

Von Steinzeittechnik bis VCR

In den 90ern arbeiteten Archäologen der Indiana University – Nicholas Toth und Kathy Schick – eng mit Kanzi zusammen. Sie brachten ihm bei, wie man Werkzeuge aus Stein herstellt, nach dem Vorbild früher Menschenarten. Spannend war, dass Kanzi nicht nur imitierte – er entwickelte eigene Methoden, Steine zu bearbeiten. Ein seltener Einblick in die kognitiven und motorischen Fähigkeiten, die hinter der Urzeit-Technik stecken.

Das Leben im Great Ape Trust war für die Bonobos alles andere als trist: Es gab Trinkbrunnen, hydraulische Türen, die sie selbst bedienen konnten (Menschen mussten klingeln, um hereinzukommen!), eine Küche mit Mikrowelle und Snackautomat – und sogar ein Freizeitzimmer mit Fernseher und Videorekorder.

Kanzi liebte Filme. Besonders oft schaute er Clint Eastwoods Every Which Way But Loose, Quest for Fire, Greystoke – Die Legende von Tarzan und den Klassiker Ein Schweinchen namens Babe.

Und ja – Kanzi zockte. Legendär wurde er durch ein Video aus dem Jahr 2006, das ihn beim Spielen von Pac-Man zeigt – mit echter Begeisterung und erstaunlicher Geschicklichkeit. Die Aufnahmen stammten von einem japanischen TV-Team und tauchten später auf YouTube auf. Savage-Rumbaugh bestätigte: Es gebe über 300 Stunden solches Filmmaterial, aufgenommen in natürlichen Situationen. „Diese Aufnahmen zeigen eindeutig seine echten Fähigkeiten“, sagte sie damals. Für viele, darunter auch den Autor des Artikels, war dieses Video ein Wendepunkt – und der Startpunkt für Engagement im Bereich Tierrechte und das Konzept der „nichtmenschlichen Person“.

Der Bonobo, der Minecraft verstand

Auch in seinen späteren Jahren blieb Kanzi am digitalen Puls der Zeit. 2023 berichtete YouTuber Christopher Slayton über Kanzis Faszination für Minecraft. Amanda Epping von der ACCI erzählte dem Des Moines Register, dass Kanzi das Spiel liebte – besonders, wenn ihm jemand dabei zusah und anfeuerte.

„Es hat ihm Spaß gemacht, hat ihn geistig gefordert“, so Epping. „Seine Fähigkeit, neue Skills in wenigen Minuten zu lernen, war einfach unglaublich. Er hat schnell verstanden, was in Minecraft zu tun ist – manchmal schon nach wenigen Versuchen.“

Mehr als nur ein Studienobjekt

Kanzi war nicht einfach ein Forschungsobjekt – er war ein Individuum. Ein fühlendes, denkendes Wesen, das zeigte, wie dünn die Grenze zwischen menschlicher und tierischer Intelligenz wirklich ist. Er hat nicht nur unsere wissenschaftlichen Theorien herausgefordert, sondern auch unser Selbstbild als „Krone der Schöpfung“ infrage gestellt.

Wenn wir zurückblicken auf Kanzis Leben – von Sprachsymbolen bis zu Videospielen – dann erkennen wir: Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist nicht so groß, wie wir es uns gerne einreden. Und genau deshalb war Kanzi so besonders.

Mach’s gut, Kanzi. Du hast die Welt ein kleines Stück klüger gemacht.

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