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Geschichten

Der wahre Trick hinter dem „Razzle Dazzle“-Tarnmuster: Forscher decken optische Illusion auf

Eine neue Analyse einer Studie aus dem Jahr 1919 zeigt, dass nicht das auffällige "Dazzle"-Muster, sondern der sogenannte "Horizonteffekt" die größte Rolle in der optischen Täuschung spielte.
Von Margherita Bassi Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Während des Ersten Weltkriegs setzten Marinen auf eine außergewöhnliche Tarntechnik: das „Dazzle“-Camouflage, auch bekannt als „Razzle Dazzle“. Anders als traditionelle Tarnung, die Objekte in ihre Umgebung einblendet, bestand das Ziel dieser Methode darin, deutsche U-Boot-Kapitäne zu verwirren. Durch schrille geometrische Muster sollte die Wahrnehmung der Fahrtrichtung und Geschwindigkeit eines Schiffes erschwert werden, um Torpedoangriffe zu verhindern. Doch funktionierte dieses Konzept wirklich oder war es nur eine optische Spielerei?

Forscher der Aston University haben die Wirksamkeit dieser Tarnmethode untersucht, indem sie eine 106 Jahre alte Studie erneut analysierten. Ihre Ergebnisse, die am 14. März in den Sage Journals veröffentlicht wurden, legen nahe, dass ein ungewollter optischer Effekt – der sogenannte „Horizonteffekt“ – weit mehr zur Irreführung beitrug als das auffällige Muster selbst. Damit offenbaren sie eine entscheidende Fehleinschätzung in der ursprünglichen Studie von 1919.

© Arthur Lismer, Public domain, via Wikimedia Commons

Neue Erkenntnisse zu einer alten Studie

1919 verfasste der MIT-Student Leo Blodgett eine Studie über „Dazzle“-Camouflage für seine Abschlussarbeit im Bereich Marinearchitektur und Schiffsbau. Er testete die Wirkung dieser Tarnung, indem er Modellschiffe mit den Mustern bemalte und anschließend beobachtete, wie sie aus einem Periskop wahrgenommen wurden. Blodgett kam zu dem Schluss, dass die Tarnung ihr Ziel erreichte und erfolgreich zur Verwirrung beitrug.

Mehr als ein Jahrhundert später äußern die Forscher Timothy Meese und Samantha Strong jedoch erhebliche Zweifel an Blodgetts Methoden. Sie vermuteten, dass die verzerrte Wahrnehmung der Testpersonen nicht allein durch das Tarnmuster verursacht wurde.

„Um eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen, braucht man eine Kontrollgruppe. Blodgetts Beschreibung seiner eigenen Kontrolltests war jedoch zu vage, um wirklich aussagekräftig zu sein“, erklärte Strong, Dozentin für Optometrie, in einer Universitätsmitteilung. „Wir haben das Experiment mit Originalfotos aus seiner Arbeit wiederholt und die Ergebnisse der Schiffe mit und ohne Tarnmuster verglichen. Unser Experiment funktionierte gut: Beide Schiffstypen erzeugten den Horizonteffekt, aber das Dazzle-Muster fügte noch eine zusätzliche optische Verzerrung hinzu.“

Der Horizonteffekt als wahre Ursache

Der sogenannte Horizonteffekt beschreibt, dass Schiffe in der Wahrnehmung von Betrachtern entlang des Horizonts zu fahren scheinen – selbst wenn sie in Wirklichkeit in einem Winkel von bis zu 25 Grad davon abweichen. Je größer der Winkel, desto stärker unterschätzen Beobachter diese Abweichung.

Wäre allein das Dazzle-Muster für die optische Täuschung verantwortlich, hätten die Testpersonen in Blodgetts Experiment die Schiffsfront – den Bug – stets in die entgegengesetzte Richtung der tatsächlichen Fahrtrichtung verdreht gesehen. Meese und Strong stellten jedoch fest, dass in bestimmten Fällen, wenn das Modellschiff sich vom Beobachter entfernte, der Bug sich scheinbar in dessen Richtung drehte. Dies deutet darauf hin, dass noch ein anderer Faktor im Spiel war – der Horizonteffekt.

Die Forscher konnten diesen Effekt zweifelsfrei als Hauptursache für die visuelle Irreführung identifizieren.

„Wir kannten die Effekte bereits aus einer früheren Studie, die Meese 2024 mitverfasst hatte“, sagte der Wissenschaftler. „Das Erstaunliche ist jedoch, dass genau diese Effekte – und zwar in ähnlichem Ausmaß – auch in den Tests von 1919 auftraten, obwohl die Testpersonen mit Tarnstrategien vertraut waren, darunter ein Leutnant einer europäischen Marine.“ Dies bestärkt die bisherigen Erkenntnisse der Forscher: Der Horizonteffekt, der nichts mit dem Dazzle-Muster zu tun hat, konnte selbst erfahrene Beobachter täuschen.

„Damals wurde der Horizonteffekt überhaupt nicht erkannt“, fügte Meese hinzu. „Er hat also die getäuscht, die selbst täuschen wollten.“

Diese Erkenntnis wirft ein völlig neues Licht auf die vermeintliche Wirksamkeit des Dazzle-Tarnmusters. Zwar sorgte das schrille Design für optische Verzerrungen, doch die eigentliche Täuschung ging auf eine ganz andere Illusion zurück – eine, die damals niemand bemerkte.

 

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