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Captain America: Brave New World – Ein schwacher Marvel-Film, der weder mutig noch neu ist

Es spielt definitiv im Marvel-Universum, aber das ist auch schon das Beste, was man sagen kann. Anthony Mackie und Harrison Ford stehen im Mittelpunkt.
Von Germain Lussier Übersetzt von

Lesezeit 4 Minuten

Mein Lieblingsmoment in Captain America: Brave New World dauerte genau zwei Sekunden. In einer der besseren Actionszenen des Films versuchen Captain America und Falcon, zwei Kampfjets daran zu hindern, die Armeen mehrerer Länder anzugreifen. Explosionen, Maschinengewehrfeuer und dann der Moment: Captain America stoppt eine Rakete, indem er sie wie ein Surfbrett reitet. Es passiert blitzschnell, aber in diesem Augenblick wurde mir klar, was diesem Film fehlt – etwas Einzigartiges, irgendwas mit Spaß.

Brave New World ist der vierte Captain-America-Film und der erste mit Sam Wilson (Anthony Mackie) als Träger des Schilds. Die Staffelübergabe geschah bereits vor sechs Jahren in Avengers: Endgame (2019) und wurde in der Serie The Falcon and the Winter Soldier (2021) weiter erforscht. Nun bekommt Sam seine eigene Story – eine direkte Fortsetzung eines Films, der vor 17 Jahren erschien (The Incredible Hulk, 2008). So viel zum Thema „neu“ und „mutig“ – es fühlt sich eher nach „erprobt“ und „bewährt“ an.

Hier ist Thaddeus Ross (Harrison Ford übernimmt die Rolle des verstorbenen William Hurt) nun Präsident der USA und muss sich mit den Folgen von Eternals (2021) herumschlagen. In diesem Film wurde die Leiche eines Celestials auf der Erde zurückgelassen, und nun versucht Ross, einen Vertrag auszuhandeln, um die Ressourcen der entstehenden Insel gerecht zu verteilen. Die wichtigste Ressource? Adamantium. Im Marvel Cinematic Universe (MCU) eine Premiere, doch ohne Comic-Wissen (oder das letzte Marvel-Movie) bleibt unklar, warum es so bedeutend ist. Man setzt voraus, dass die Fans es eh wissen – also schluckt man es einfach.

Während dieser diplomatischen Verhandlungen mischt sich Captain America immer wieder ein, oft mit seinem Kumpel Joaquin Torres (Danny Ramirez) an seiner Seite, der sich langsam aber sicher in den neuen Falcon verwandelt. Sie stehlen ein geheimes Paket, ihr Freund wird für einen Mord reingelegt, und sie verbringen viel Zeit in Sams luxuriöser Captain-America-Wohnung. Schließlich decken sie eine Verschwörung auf, die von Samuel Sterns (Tim Blake Nelson) angezettelt wurde – einem Charakter, der seit dem zweiten MCU-Film (2008) in der Versenkung verschwunden war. Ein an sich cooler Schurke, aber er bleibt bis zum Ende des Films weitgehend im Schatten, wodurch seine Wirkung verpufft.

Wenn das alles langweilig, umständlich und unnötig kompliziert klingt – genau das ist es auch. Brave New World springt zwischen langgezogenen Handlungserklärungen, gelegentlichen Expositionsmonologen und Actionszenen, die kaum zur Story beitragen. Oft wirken sie wie eine Pflichtaufgabe: Hier mal eine Explosion, da mal ein Faustkampf, bis die nächste überflüssige Erklärung kommt. Und alles führt zu einer Szene, die schon seit Monaten überall zu sehen ist: Ross wird zum roten Hulk. Dass der Film das als große Enthüllung inszeniert, obwohl es auf jedem Poster vor dem Kino abgebildet ist, zeigt genau, wo Brave New World scheitert. Dieser Moment soll das epische, überraschende Highlight des Films sein – aber Spannung? Fehlanzeige. Die Szene wirkt wie eine Kopie jedes anderen Hulk-Moments im MCU. Es fällt einfach flach.

Ein paar Highlights gibt es aber doch

Nicht alles ist schlecht. Zwei Sekunden Raketen-Surfing? Großartig. Noch wichtiger: Der Cast. Anthony Mackie wird hier endgültig zu Captain America. Sein Charisma und seine Präsenz halten den Film zusammen, obwohl fast alles um ihn herum wenig Emotionen weckt. Das allein ist schon eine Superheldenleistung. Harrison Ford liefert ebenfalls ab – aber er ist eben Harrison Ford. Solange er seine Zeilen mit etwas Energie rausbrüllt, macht er seinen Job.

Marvel-Newcomerin Shira Haas spielt Ruth Bat-Seraph, eine ehemalige Black Widow und nun Ross‘ Sicherheitschefin. Ihr Charakter hat eine der unschärfsten Entwicklungen des Films, aber sie ist unglaublich faszinierend anzusehen. Danny Ramirez harmoniert gut mit Mackie und bringt zumindest einen Hauch von Humor ein. Tim Blake Nelson macht das Beste aus seiner Rolle, und selbst der leider verschwendete Giancarlo Esposito hat einige starke Momente – beide scheinen aber zu wissen, dass sie nicht in einem besonders guten Film gelandet sind.

Ein Film ohne klare Identität

Das wäre halb so schlimm, wenn der Film sich wenigstens selbst nicht zu ernst nehmen würde. Aber Brave New World beginnt mit einem fancy Marvel-Logo und lässt den „Captain America“-Titel am Anfang weg – als wolle er ein stilvoller Politthriller der 70er-Jahre sein. Oder zumindest auf dem Niveau von The Winter Soldier. Das gelingt aber überhaupt nicht. Der Film weiß nicht, was er sein will, hat keine klare Aussage und keine packenden dramatischen Momente. Selbst die paar Szenen mit Herz oder Spannung werden schnell durch unnötige Exposition oder halbherzige Charakterentscheidungen zunichte gemacht.

Für eingefleischte MCU-Fans gibt es ein paar Brotkrumen, darunter eine Post-Credit-Szene, aber nichts – selbst die Einführung von Adamantium und seine offensichtliche Bedeutung für die Zukunft – reicht aus, um Brave New World zu dem zu machen, was er sein will: ein bedeutsamer und erinnerungswürdiger Marvel-Film. Mackie mag ein würdiger Nachfolger für Chris Evans sein, aber dieser Film? Einer der schwächsten des MCU.

Captain America: Brave New World startet diesen Freitag, den 14. Februar. Romantischer wird’s heute wohl nicht.

 

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