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Warum versteckt Disney „Schneewittchen“?

Disney scheint die Premiere seiner neuesten Realverfilmung bewusst herunterzuspielen – ein klares Zeichen für die anhaltende Unsicherheit des Studios gegenüber diesem Film.
Von Sabina Graves Übersetzt von

Lesezeit 4 Minuten

Normalerweise feiert Disney seine Live-Action-Remakes mit großem Pomp: Eine aufwändige Performance vor einem Disney-Schloss, begleitet von der neuen Prinzessin, die ihren ikonischen Song live für die Fans singt. So wurde es für Halle Bailey in „Arielle, die Meerjungfrau“ inszeniert. Doch mit dem näherkommenden Release von „Schneewittchen“ scheint Star Rachel Zegler in den USA nicht die gleiche Behandlung zu bekommen. Dies ist nur eine von vielen merkwürdigen Entscheidungen, die Disney in Bezug auf diesen Film getroffen hat.

Zegler, die als erste Disney-Märchenheldin überhaupt den Grundstein für das Imperium legte und von Steven Spielberg für „West Side Story“ entdeckt wurde – mit einer Stimme, die wie gemacht für eine Disney-Prinzessin scheint –, wird offenbar keine große Hollywood-Premiere bekommen. Laut einem Bericht von Variety wird es nach der Japan-Premiere zwar eine Veranstaltung in Los Angeles geben, doch diese wird stark heruntergefahren: Keine Journalisten, kein roter Teppich mit Presseinterviews, sondern nur ein privater Empfang mit einer Vorführung im El Capitan Theatre. Fotografen dürfen zwar Bilder machen, aber keine Interviews mit den Stars führen.

Hält Disney „Schneewittchen“ absichtlich zurück?

Die Story der neuen „Schneewittchen“-Verfilmung dreht sich stark um das Motiv, dass Menschen zusammenhalten und sich gegen Ungerechtigkeit wehren. Angesichts der aktuellen politischen Spannungen in den USA stellt sich die Frage: Hat Disney Angst davor, dass der Film als „zu woke“ gilt? Ist es wirklich zu kontrovers, eine Geschichte zu erzählen, in der Freundlichkeit und Zusammenhalt gegen Tyrannei triumphieren?

Es scheint, als wolle Disney auf Nummer sicher gehen – ähnlich wie beim überarbeiteten „Win or Lose“-Film von Pixar, dessen LGBTQ+-Handlung still und heimlich gestrichen wurde. Gleichzeitig hat Disney Zegler nur stark kontrollierte Interview-Möglichkeiten eingeräumt, in denen sie sich zu den teils rassistischen Anfeindungen äußern konnte, die sie nach ihren ersten PR-Statements zum Film erhielt. Zusätzlich wurde sie angegriffen, nachdem sie sich kritisch zu Donald Trumps Wahl geäußert hatte – eine Aussage, für die sie sich später entschuldigte. Die reduzierte Premiere könnte ein Versuch sein, weitere negative Aufmerksamkeit zu vermeiden, insbesondere angesichts der politischen Kontroversen um die Stars des Films. Während Zegler sich für Palästina ausgesprochen hat, steht ihre Kollegin Gal Gadot offen auf der Seite Israels.

Ein Film voller Kontroversen

Die Probleme rund um „Schneewittchen“ hören jedoch nicht bei der Politik auf. Bereits vorab gab es hitzige Diskussionen um die Darstellung der sieben Zwerge und die Besetzung von Rachel Zegler. Disney entschied sich, die Zwerge per CGI darzustellen, was zum Teil auf die Kritik von „Game of Thrones“-Star Peter Dinklage zurückzuführen ist. Er kritisierte in einem Podcast mit Marc Maron 2022: „Ihr macht einen progressiven Schritt und castet eine Latina als Schneewittchen, aber dann macht ihr immer noch diese verdammte, rückwärtsgewandte Story über sieben Zwerge, die in einer Höhle leben. Was zur Hölle macht ihr da?“

Dazu kam das Design von Schneewittchens Frisur, das im Internet mit Lord Farquaad aus „Shrek“ verglichen wurde. Besonders konservative Kritiker ließen dabei oft einen rassistischen Unterton durchscheinen, indem sie sich auf Zeglers Latina-Herkunft einschossen.

Disney und der Umgang mit seinen Stars

Das alles ist kein neues Muster bei Disney. Bereits in der Vergangenheit hielt sich das Studio auffallend zurück, wenn es um die Unterstützung von Schauspielern ging, die mit Rassismus konfrontiert wurden. John Boyega sprach offen über die rassistischen Angriffe, die er als Schwarzer Hauptdarsteller in „Star Wars“ erlebte – und wurde von Disney weitgehend ignoriert. Das Gleiche geschah mit Kelly Marie Tran, Moses Ingram, Ahmed Best und Amandla Stenberg. Nun scheint sich Rachel Zegler in einer ähnlichen Position wiederzufinden.

Latino-Community bleibt außen vor

Besonders frustrierend ist diese Zurückhaltung angesichts der wachsenden Bedeutung lateinamerikanischer Zuschauer für die Filmindustrie. Ein jüngster Bericht der UCLA zur Diversität in Hollywood ergab, dass junge Latina-Frauen eine entscheidende Zielgruppe für Kinobesuche darstellen. Trotzdem scheint Disney dieses Publikum bewusst zu ignorieren. Es gibt kaum Merchandise zum Film, keine großen Park-Events – ein starker Kontrast zu anderen Disney-Produktionen wie „Wicked“, das Monate vor Release bereits eine umfangreiche Marketing-Kampagne hatte.

Sollte „Schneewittchen“ nicht die erhofften Einnahmen bringen, wird die Schuld dann an den Fans oder der Besetzung abgeladen, anstatt dass Disney seine eigene halbherzige Promotion infrage stellt? Diese Entscheidung zeigt einmal mehr das inkonsequente Verhalten des Studios: Ein Schritt nach vorn in Sachen Diversität, gefolgt von zwei Rückschritten aus Angst vor Gegenwind.

Ob der Film trotzdem an den Kinokassen bestehen kann, bleibt abzuwarten. Viele der vorherigen Disney-Realverfilmungen haben sich trotz gemischter Kritiken als finanziell erfolgreich erwiesen. Doch für das amerikanische Publikum – insbesondere für latinx Zuschauer, die sich in Rachel Zegler wiederfinden – fühlt sich Disneys Zögern wie eine Enttäuschung an. Gerade jetzt, wo sich eine Latina-Schneewittchen als Identifikationsfigur anbieten würde, scheint Disney sie im Stich zu lassen. Warum? Vielleicht, weil das Unternehmen es vorzieht, seine progressiven Entscheidungen nur dann zu feiern, wenn sie nicht zu viele Wellen schlagen.

 

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