In Europa hat ein Land, das lange als Hoffnungsträger für zehntausende Migranten galt, seine Migrationspolitik drastisch verschärft. Inmitten wachsender sozialer Spannungen und politischer Polarisierung erhalten nun tausende Menschen, die auf eine Legalisierung ihres Aufenthalts gehofft hatten, plötzliche Abschiebebescheide.
Von der Willkommenskultur zum Wettlauf gegen die Uhr

Portugal galt jahrelang als Vorzeigeland der Integration. Während andere Staaten Grenzen schlossen, erlaubte Portugal Migranten, auch ohne Arbeitsvertrag einen Antrag auf Aufenthalt zu stellen – vorausgesetzt, sie lebten bereits im Land.
Dieses Verfahren – bekannt als „Bekundung des Interesses“ (Manifestação de Interesse) – wurde für viele aus Lateinamerika und Asien zu einem legalen Weg, ihre Situation zu regulieren. Vielfalt und wirtschaftlicher Aufschwung galten als Bereicherung für die Gesellschaft.
Doch das änderte sich binnen weniger Monate. Eine neue Mitte-rechts-Regierung übernahm die Macht und bezeichnete das alte System als „Hintertür für Masseneinwanderung“. Seither läuft eine der größten Überprüfungswellen in der portugiesischen Migrationsgeschichte.
34.000 abgelehnte Anträge – und nur 20 Tage Frist

In den letzten Monaten wurden über 184.000 Anträge auf Aufenthaltsgenehmigung geprüft. Rund 150.000 wurden bewilligt – doch fast 34.000 Menschen erhielten eine Ablehnung. Sie müssen Portugal nun innerhalb von 20 Tagen freiwillig verlassen.
Wer bleibt, riskiert eine Zwangsausweisung durch Polizei und Sicherheitsbehörden.
Betroffen sind vor allem Menschen aus Lateinamerika und Südasien, viele von ihnen mit Arbeitsplätzen, Studienplänen oder Familien im Land. Menschenrechtsorganisationen und NGOs kritisieren die Maßnahme als inhuman und willkürlich, da die Ablehnungskriterien nicht transparent kommuniziert wurden.
Das Land, das sein Gesicht durch Migration veränderte

In nur zehn Jahren hat Portugal seine ausländische Bevölkerung verdreifacht – inzwischen sind rund 1,5 Millionen Migrant*innen dort ansässig, etwa 14 % der Gesamtbevölkerung.
Migrant*innen haben nicht nur Schlüsselpositionen in Gastronomie, Landwirtschaft und Pflege übernommen, sondern auch verlassene Stadtviertel wiederbelebt, Unternehmen gegründet und zur Finanzierung des Rentensystems beigetragen.
Doch mit dem Wachstum kamen auch Spannungen: Überlastete Gesundheitsdienste, Integrationsprobleme und wachsender sozialer Unmut führten bei den letzten Wahlen zu einem erstarkten Rechtsruck. Migration wurde zum zentralen Wahlkampfthema.
Welches Land hat so plötzlich den Kurs gewechselt?

Die Antwort lautet: Portugal. Das Land, das einst für seine offene und menschenfreundliche Migrationspolitik gefeiert wurde, vollzieht unter Premierminister Luís Montenegro von der Allianz Demokrática (AD) einen harten Kurswechsel.
Das Verfahren der „Manifestação de Interesse“ wurde abgeschafft. Künftig müssen ausländische Antragsteller bereits vor der Einreise über ein konkretes Arbeitsangebot verfügen – ein Ausschlusskriterium für viele, die bisher legal im Land ankamen und sich dort ein Leben aufbauen wollten.
Am stärksten betroffen sind Staatsbürger aus Brasilien – über 5.300 erhalten derzeit Ausreisebescheide. Auch Menschen aus Indien, Bangladesch, Pakistan und Nepal gehören zu den Hauptbetroffenen.
So wurde aus dem einstigen Musterland der Integration innerhalb weniger Jahre ein Staat, der nun die größte Abschiebungswelle seiner jüngeren Geschichte einleitet – mit tiefgreifenden Folgen für zehntausende Existenzen.
Quelle: BBC en Español