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Welt

Saubere Energie, offene Wunden – Der unsichtbare Kampf im Norden Kolumbiens

Windkraft galt als Hoffnungsträger der kolumbianischen Energiewende. Doch in La Guajira, einem Schlüsselgebiet für den Ausbau erneuerbarer Energien, regt sich Widerstand – von jenen, die seit Jahrhunderten dort leben. Was passiert, wenn Fortschritt alte Stimmen überhört?
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Große Pläne, tiefe Konflikt

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© Laura Penwell – Pexels

La Guajira, im Norden Kolumbiens gelegen, zählt zu den ärmsten Regionen des Landes – und ist zugleich das angestammte Territorium des indigenen Volkes der Wayuu. Ihre geografische Lage und die konstanten Winde machten die Region zum idealen Standort für Windparks. Präsident Gustavo Petro sprach sogar davon, dass La Guajira eines Tages das gesamte nationale Stromnetz versorgen könnte – inklusive Wasserkraftwerke.

Das Potenzial blieb nicht unbemerkt. Zahlreiche, teils internationale Unternehmen investierten in über 50 geplante Windkraftprojekte; 15 davon befinden sich bereits im Bau. Der erste, Guajira I, liefert 20 MW. Doch hinter der technischen Euphorie wachsen die Spannungen.

Der unsichtbare Krieg des Windes

In La Guajira spricht man mittlerweile von einem „Krieg des Windes“. Nicht, weil Windkraft per se abgelehnt wird, sondern wegen der Art, wie sie eingeführt wurde: ohne echte Umweltgutachten, ohne verlässliche Garantien – und vor allem ohne angemessene Konsultation der Wayuu-Gemeinschaften.

Die indigene Bevölkerung berichtet von manipulierten Verfahren, undurchsichtigen Verträgen mit nicht legitimierten Vertretern und gebrochenen Versprechen. „Die Turbinen rauben uns den Schlaf – und für uns ist das Träumen heilig“, sagt José Iguarán, ein lokaler Sprecher.

Die Veränderungen betreffen nicht nur die Landschaft, sondern auch die spirituelle und soziale Struktur der Gemeinschaft. Der Wind bringt Energie – aber auch Lärm, Unruhe und Misstrauen.

Fortschritt oder Fremdbestimmung?

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© Agata Cetta – Pexels

Einige Gemeinden erhielten Infrastrukturhilfen oder Anteile am Erlös aus Stromverkauf und CO₂-Zertifikaten. Doch viele kritisieren die fehlende Autonomie: Die sozialen Investitionen würden ausschließlich über die Projektfirmen abgewickelt – und nicht auf Grundlage unabhängiger Entscheidungen der betroffenen Dörfer.

Experten wie der Menschenrechtsanwalt Mikel Berraondo warnen: Internationale Standards zum Schutz indigener Rechte – etwa das ILO-Übereinkommen 169 – werden nicht eingehalten. Die Vertrauenskrise wächst. Unternehmen wie Enel oder EDP Renewables haben sich bereits aus Projekten in La Guajira zurückgezogen – zu groß die Konflikte, zu lang die Verzögerungen.

Wenn der Wind Gegenwind bringt

Was als Vorzeigebeispiel grüner Transformation begann, droht zu einem sozialen und politischen Dilemma zu werden. Die zentrale Frage lautet längst nicht mehr, ob La Guajira Strom liefern kann – sondern wie: unter Wahrung der kulturellen Identität und mit gerechtem Dialog.

Denn wenn der Wandel überhört, was Generationen zuvor aufgebaut haben, verliert selbst der Wind seinen versöhnlichen Klang.

Quelle: Xataka

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