KI statt Redaktion: Was hinter dem Projekt „Ripple“ steckt
Seit April arbeitet die Washington Post an einem Programm namens „Ripple“, das – laut New York Times – vor allem darauf abzielt, neue Stimmen für die Meinungssektion zu gewinnen. Gemeint sind damit nicht nur etablierte Substack-Autorinnen, sondern auch komplette Neueinsteigerinnen. Soweit klingt das nach bekannten Modellen wie bei HuffPost oder Forbes, die schon früher Gastbeiträge veröffentlichten – mit wechselhaftem Erfolg.
Der entscheidende Unterschied: Statt Redakteur*innen übernimmt bei der Washington Post künftig eine KI namens Ember die Betreuung. Diese „KI-Coachin“ liefert live Schreibimpulse, bewertet die Stärke des Textes und hilft beim Aufbau – inklusive Hinweise wie „Frühe These“, „Unterstützende Argumente“ und „Einprägsames Ende“. Artikel erscheinen außerhalb der Paywall und werden immerhin noch von Menschen gegengelesen, bevor sie veröffentlicht werden.
Was kann schiefgehen? Nun ja… eine ganze Menge
So ganz neu ist die Idee nicht – und sie hat bereits für heftige Kritik gesorgt. 2023 geriet etwa CNET in die Schlagzeilen, weil dort KI-generierte Artikel mit kaum wahrnehmbaren Hinweisen als solche veröffentlicht wurden. Zwar beteuerte die Chefredakteurin damals, die Inhalte seien geprüft worden, doch Recherchen von Futurism deckten zahlreiche sachliche Fehler auf.
Trotz solcher Negativbeispiele scheint die Washington Post unbeirrt: Noch in diesem Herbst soll Ember in ersten Tests zum Einsatz kommen. Der Grund für diesen KI-Vorstoß ist klar: Die Zeitung steckt seit Längerem in finanziellen Schwierigkeiten. 2023 meldete sie einen Verlust von 77 Millionen Dollar, woraufhin ein neues Abo-Modell eingeführt wurde. Auch das half nicht – im Januar 2024 folgte eine Entlassungswelle, bei der rund vier Prozent der Belegschaft ihren Job verloren.
Bezos mischt sich ein – und verliert Leser*innen
Besonders umstritten ist die Rolle von Jeff Bezos selbst. Der Amazon-Gründer und Besitzer der Washington Post hat sich in letzter Zeit immer stärker in die Gestaltung der Meinungsseiten eingemischt. Seine jüngste „Neuausrichtung“ im Januar sorgte für massiven Ärger: Der Meinungschef David Shipley trat umgehend zurück, mehr als 75.000 digitale Abonnent*innen kündigten daraufhin.
Trotzdem bleibt Bezos bei seiner Linie – und treibt Ember als nächsten Schritt voran. Offenbar ist die Meinungssparte zu seiner persönlichen Baustelle geworden. Ob KI dabei hilft, Qualität und Relevanz zu steigern, ist fraglich.
KI in Redaktionen: Wundermittel oder Rohrkrepierer?
Natürlich hat KI auch im Journalismus potenzielle Anwendungsfelder – etwa beim Durchforsten von Datenbanken oder dem Sortieren von Quellen. Die New York Times nutzt sie bereits für Recherche- und Empfehlungssysteme. Aber Ember geht deutlich weiter: Sie soll Meinungen formen, Texte aufbauen und quasi als Redakteurin auftreten.
Das kommt in der Branche nicht gut an. Journalist*innen von Medien wie The Atlantic oder Politico warnen vor einem schleichenden Qualitätsverlust. Die Sorge: KI kann zwar Sprache imitieren – aber keine Haltung, keine Erfahrung, keine Verantwortung.