Zum Inhalt springen
News

Italienische Zeitung veröffentlicht komplette KI-generierte Ausgabe

Ist das die Zukunft des Journalismus oder sein Nachruf?
Von Thomas Maxwell Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Eine italienische Zeitung behauptet, die weltweit erste tägliche Ausgabe geschaffen zu haben, die vollständig von künstlicher Intelligenz geschrieben wurde. Die Journalist*innen waren dabei nur noch dafür zuständig, Fragen an einen Chatbot zu stellen und die Antworten zu überprüfen, bevor sie diese übernahmen. Zuvor hatte bereits The Guardian über das Experiment von Il Foglio, einer liberal-konservativen italienischen Zeitung, berichtet.

Chefredakteur Claudio Cerasa erklärte, das Projekt sei ein Testlauf, um herauszufinden, wie KI in einer Redaktion „praktisch“ funktionieren könnte. Gleichzeitig zwinge es Journalist*innen, sich ernsthafte Gedanken über die Auswirkungen der Technologie auf die Branche zu machen.

„Es wird die erste tägliche Zeitung der Welt sein, die komplett mit künstlicher Intelligenz erstellt wurde“, so Cerasa. „Alles: Texte, Überschriften, Zitate, Zusammenfassungen und manchmal sogar die Ironie.“

Die vierseitige Sonderausgabe Il Fogolio AI wurde der regulären Dienstagsausgabe beigelegt und ist auch online verfügbar.

Erste KI-Experimente in Redaktionen: Mehr Fluch als Segen?

Die bisherigen Versuche, generative KI in Redaktionen einzusetzen, verliefen nicht gerade reibungslos. 2023 musste CNET heftige Kritik einstecken, als bekannt wurde, dass die Plattform klammheimlich von KI generierte Finanzberatungstexte veröffentlicht hatte – mit gravierenden inhaltlichen Fehlern. Noch kürzlich scheiterte die Los Angeles Times mit ihrem KI-gestützten Tool Insights, das angeblich die Tendenz von Meinungsartikeln bewerten sollte. Die Software musste schnell wieder vom Netz genommen werden, nachdem sie den Ku-Klux-Klan verharmloste.

Generative KI kann zwar Texte erzeugen, die echt und professionell wirken, doch das eigentliche „Denken“ steckt nicht dahinter. Chatbots sind letztlich nur hochentwickelte Autovervollständigungssysteme, die oft einfach Dinge erfinden. Einige Bots geben das sogar offen zu, wenn sie ihre Antwortstrukturen erklären. Das Hauptproblem bleibt: Nutzer*innen müssen jede generierte Antwort sorgfältig überprüfen – vorausgesetzt, sie erkennen die Fehler überhaupt. Gerade Redaktionen müssen aufpassen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit nicht weiter untergraben, indem sie fehlerhafte KI-generierte Inhalte veröffentlichen.

Zukunft des Journalismus: KI als Sparmaßnahme?

Trotz aller Bedenken experimentieren Medienunternehmen weiter mit der Technologie – oft zum Leidwesen von Journalist*innen, die befürchten, dass KI genutzt wird, um Redaktionen personell auszudünnen. Ein Beispiel ist die lokale Nachrichtenplattform Patch, früher ein AOL-Projekt. Heute verlässt sich die Plattform fast vollständig auf KI, die Nachrichten aus dem Netz zusammenkratzt und automatisch Artikel erstellt.

Der sogenannte „echte“ Journalismus dürfte weniger betroffen sein, da generative KI nur bestehende Inhalte neu zusammenstellt. Doch investigative Recherchen, Interviews und exklusive Berichte erfordern originäre Informationen, die bislang nicht online verfügbar sind. Das größere Problem ist jedoch, dass die breite Öffentlichkeit journalistische Inhalte immer weniger wertschätzt – ein Phänomen, das sich nicht nur im Journalismus zeigt, sondern auch in der Musik- und Filmbranche. Kaum jemand ist noch bereit, für Inhalte zu zahlen. Und da Personalkosten in Medienhäusern zu den größten Ausgaben gehören, ist es leicht vorstellbar, dass Verlage KI vermehrt einsetzen, um Kosten zu senken.

Die Zukunft: KI zitiert KI

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis KI-generierte Artikel sich gegenseitig als Quelle zitieren und am Ende niemand mehr nachverfolgen kann, woher die ursprünglichen Informationen stammen. Oder noch schlimmer: Journalismus, der nur noch aus automatisch generierten Reddit-Kommentaren besteht. Willkommen in der neuen Medienrealität.

 

Diese Geschichte teilen

Verwandte Artikel