Eine Million Kinder, ein klares Muster
Antibiotika retten Leben – aber sie haben auch ihre Schattenseiten. Eine groß angelegte Studie zeigt nun: Werden Kleinkindern vor dem zweiten Lebensjahr Antibiotika verschrieben, steigt ihr Risiko, später an Asthma oder Allergien zu erkranken.
Das Forschungsteam der Rutgers University analysierte die medizinischen Daten von über einer Million Kindern im Vereinigten Königreich. Dabei stellten sie fest: Je mehr Antibiotika Kinder vor dem zweiten Lebensjahr bekamen, desto häufiger traten im späteren Verlauf Asthma, Nahrungsmittelallergien oder Heuschnupfen auf. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Kindern, die mehrmals behandelt wurden – ein möglicher Hinweis auf einen sogenannten Dosis-Wirkungs-Effekt.
Die Studie wurde im Fachjournal Journal of Infectious Diseases veröffentlicht und ist eine der größten ihrer Art. Frühere Untersuchungen hatten ähnliche Zusammenhänge aufgezeigt, litten aber oft unter kleinen Stichproben oder zu vielen Störfaktoren. Diese neuen Ergebnisse untermauern die bisherigen Erkenntnisse und liefern deutlich robustere Daten.
Was Antibiotika im Körper anrichten können
Antibiotika sind eigentlich dazu da, bakterielle Infektionen zu bekämpfen – und das tun sie auch sehr effektiv. Doch viele von ihnen wirken breit gefächert, das heißt: Sie vernichten nicht nur schädliche, sondern auch nützliche Bakterien im Körper. Besonders betroffen ist das sogenannte Mikrobiom, die natürliche Bakterienwelt im Darm, auf der Haut oder in den Atemwegen. Wird dieses empfindliche Gleichgewicht gestört, kann das weitreichende Folgen für die Gesundheit haben.
Gerade bei kleinen Kindern, deren Immunsystem und Mikrobiom sich noch in der Entwicklung befinden, könnten diese Eingriffe besonders problematisch sein. Die Rutgers-Forscher vermuten, dass durch die frühe Zerstörung nützlicher Bakterien das Risiko für chronische Erkrankungen wie Asthma langfristig steigt.
Auch intellektuelle Beeinträchtigungen im Fokus
Neben allergischen Erkrankungen wie Asthma oder Heuschnupfen fanden die Forschenden auch einen möglichen Zusammenhang zwischen frühen Antibiotikagaben und der Entwicklung geistiger Behinderungen. Für andere Krankheiten – etwa Autismus, Zöliakie, Typ-1-Diabetes oder Angststörungen – konnte hingegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang nachgewiesen werden.
Besonders überzeugend war der sogenannte Geschwistervergleich innerhalb der Studie: Indem die Forschenden Kinder mit ihren eigenen Geschwistern verglichen, die unter ähnlichen genetischen und umweltbedingten Bedingungen aufwuchsen, konnten sie externe Einflussfaktoren stärker ausschließen. Auch hier zeigte sich: Kinder, die mehr Antibiotika erhielten, hatten häufiger mit Asthma zu kämpfen als ihre Geschwister.
Antibiotika: oft verschrieben, oft unnötig
Schon länger warnen Fachleute davor, dass Antibiotika bei Kindern zu häufig und zu leichtfertig verschrieben werden – auch bei Infekten, die gar nicht bakteriellen Ursprungs sind. Eine Studie aus dem Jahr 2020 ergab, dass jedes vierte Kind, das in einem Krankenhaus Antibiotika erhielt, diese womöglich gar nicht gebraucht hätte.
Diese neue Studie gibt nun einen weiteren Grund zur Sorge – und vor allem Anlass zum Umdenken. Zwar können solche Beobachtungsstudien keine kausalen Zusammenhänge endgültig beweisen, doch die Hinweise verdichten sich zunehmend.
Was Eltern jetzt wissen sollten
Daniel Horton, Kinderarzt und Epidemiologe an der Rutgers University und Hauptautor der Studie, betont: „Antibiotika sind wichtige und in manchen Fällen lebensrettende Medikamente – aber nicht jede Infektion bei kleinen Kindern muss automatisch mit Antibiotika behandelt werden.“
Sein Appell an Eltern: Nicht in Panik verfallen, aber gemeinsam mit Kinderärzt:innen gut abwägen, ob eine Antibiotikatherapie wirklich notwendig ist. Der bewusste und gezielte Einsatz solcher Medikamente könnte langfristig helfen, gesundheitliche Risiken wie Asthma bei Kindern zu minimieren – und gleichzeitig die Wirksamkeit von Antibiotika im Kampf gegen gefährliche Bakterien bewahren.