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Welt

Familie oder moderne Sklaverei? Die Wahrheit über die Hausarbeit der Elite

Was passiert hinter den Türen der luxuriösesten Villen der Welt, wenn niemand hinsieht? Eine Soziologin wollte es von innen heraus verstehen.
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Lesezeit 4 Minuten

Geschichten über die Beziehung zwischen Reichen und Hausangestellten faszinieren seit Jahrhunderten Film, Literatur und Publikum. Doch wie sieht diese Realität heute im Umfeld der Superreichen aus? Die französische Soziologin Alizée Delpierre wollte dieser Frage auf eine ungewöhnliche Weise nachgehen: Sie ließ sich in ihre Häuser einschleusen, arbeitete selbst als Dienstmädchen und beobachtete die unausgesprochenen Regeln dieser verborgenen Welt aus nächster Nähe.

Für ihre Recherchen besuchte sie elegante Pariser Wohnungen und Anwesen an der Côte d’Azur. Dort hörte sie Sätze wie: „Wird sie je verstehen, dass ich zwei Eiswürfel möchte, nicht drei?“ oder erlebte Exzentriker, die jeden Morgen exakt zweieinhalb Eier zum Frühstück verlangten. Doch sie blieb nicht bloße Beobachterin: Um die inneren Dynamiken zu verstehen, arbeitete sie als Kindermädchen und Küchenhilfe in Pariser Adelsfamilien. Sogar in Asien lebte sie als Au-pair bei einer wohlhabenden Familie.

Aus dieser Erfahrung entstand das Buch Servir les riches – auf Deutsch: „Den Reichen dienen“, inzwischen auch auf Spanisch erhältlich. Jenseits des Luxus erforscht Delpierre ein System sozialer Beziehungen, das von Ungleichheit, Macht und emotionaler Abhängigkeit geprägt ist. Und sie stellt eine provokante Frage: Was sagt dieses Phänomen über unsere heutige Gesellschaft aus?

Verborgene Hierarchien: Wettbewerb, Gehorsam und Belohnung

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© Chris Goodwin

Delpierre fand heraus, dass nicht nur das Verhältnis zwischen Dienstherren und Angestellten zählt. Auch unter den Angestellten der Superreichen gibt es ausgeprägte Hierarchien. Freundschaften entstehen, aber auch Rivalitäten. Um ihre Stellung zu behaupten, müssen die Bediensteten extreme Effizienz, absoluten Gehorsam und eine fast unmenschliche Verfügbarkeit beweisen.

Ein zentraler Begriff des Buches ist die „goldene Ausbeutung“. Hausangestellte in diesem Umfeld verdienen zwischen 3.000 und 12.000 Euro im Monat – deutlich mehr als der französische Mindestlohn. Sie erhalten teure Geschenke wie Designerkleidung oder Luxusaccessoires und haben Zugang zu Lebensmitteln, Technologien und Annehmlichkeiten, die sonst der Elite vorbehalten sind. Doch dieser Luxus hat seinen Preis: endlose Arbeitstage, schlaflose Nächte mit Kinderbetreuung – ein Leben, das ganz dem Willen des Arbeitgebers untergeordnet ist.

Laut Delpierre erzeugen diese Vorteile eine „emotionale Schuld“. Die Angestellten fühlen sich verpflichtet, die Großzügigkeit mit noch mehr Hingabe, mehr Verzicht und mehr Zeit zu „vergüten“. Ein perfider Kreislauf: Je mehr sie bekommen, desto mehr meinen sie, geben zu müssen.

Wenn der Arbeitgeber sagt, man sei „Teil der Familie“

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© cottonbro studio

Eine besonders komplexe Dimension dieser Dynamik ist die emotionale. Durch das gemeinsame Leben verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Zuneigung. Viele Angestellte entwickeln echte Bindungen zu den Kindern, die sie betreuen, oder auch zu ihren Vorgesetzten. Die Beziehung ist nicht rein vertraglich – sie bekommt familiäre Züge.

Doch genau das verstärkt die Kontrolle. Wer seine Angestellten als „Familienmitglieder“ sieht, glaubt, mehr fordern zu dürfen. Diese emotionale Bindung, so Delpierre, ist ein ideales Vehikel für subtilere Formen von Unterwerfung. Im privaten Raum des Hauses, wo kein Gesetz und keine öffentliche Kontrolle greifen, können diese Praktiken ungehindert fortbestehen.

Die Macht äußert sich oft in kleinen Gesten: Das Verbot, bestimmte Räume zu betreten, die Umbenennung in einen „französischeren“ Namen oder das generische „Maria“ für alle Kindermädchen – all das löscht ihre Individualität. Es sind symbolische Akte, die verdeutlichen, wer das Sagen hat.

Rassismus, Geschlechterrollen und stereotype Erwartungen

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© Andrew Neel

Der Markt für Hausangestellte folgt kaum objektiven Leistungskriterien. Es zählen keine Abschlüsse oder Berufserfahrung – entscheidend sind stereotype Vorstellungen. Man geht davon aus, dass Frauen besser für die Kinderbetreuung geeignet seien und Männer Autos fahren sollen. In reichen Haushalten gibt es keine männlichen Kindermädchen – nur weibliche.

Auch rassistische Hierarchien prägen diesen Arbeitsmarkt. Schwarzen Frauen werden Eigenschaften wie Sanftmut oder Geduld zugeschrieben – eine Sichtweise, die koloniale Wurzeln hat. Sie werden bevorzugt für die Kinderbetreuung eingestellt. In höheren Positionen wie Butler oder persönliche Assistenten dominieren dagegen weiße Europäer.

Dieses System schreibt Fähigkeiten fest – nicht nach Talent, sondern nach Geschlecht und Herkunft. Auch wenn solche Vorstellungen außerhalb des Haushalts ebenfalls präsent sind, wirken sie in der häuslichen Sphäre besonders stark.

Wie sollten wir über Hausarbeit sprechen?

Auch die Begriffe, die wir verwenden, gehören zur Debatte. In Frankreich sprechen wohlhabende Familien noch immer von domestiques oder bonnes – Begriffe, die vom lateinischen domus („Haus“) stammen. Delpierre behält diese Begriffe bewusst bei – nicht aus Nostalgie, sondern um die historische Kontinuität deutlich zu machen. Institutionelle Ausdrücke wie „Hausangestellte“ würden die Realität nur beschönigen.

Aus ihrer Sicht hat die Moderne zwar manche Formen verändert, doch der Kern bleibt gleich: Heute sind es Millionen arme, migrantische Frauen, die als Haushaltshilfen arbeiten. Und die Nachfrage steigt: Immer mehr Menschen lagern Betreuung aus, engagieren Au-pairs oder buchen Stundenkräfte.

Die entscheidende Frage, die Delpierre stellt, richtet sich nicht nur an Reiche – sondern an uns alle: Wer sollte sich um die Hausarbeit kümmern? Wir selbst? Ein Familienmitglied? Oder jemand, der dafür bezahlt wird? Es gibt keine einfache Antwort. Aber es ist ein Gespräch, das geführt werden muss – über Klassen hinweg, über Grenzen und Ideologien hinaus.

Quelle: BBC

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