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Wissenschaft

Deine DNA bestimmt nicht nur, wer du bist – sondern auch, wie du dem Leben begegnest

Eine der ältesten Fragen der Wissenschaft erhält eine neue, überraschende Antwort: Eine groß angelegte Zwillingsstudie zeigt, dass unsere Gene beeinflussen, wie wir das interpretieren, was uns widerfährt – mit direkten Folgen für unsere psychische Gesundheit. Die Umwelt spielt eine Rolle, vielleicht aber viel weniger, als wir dachten.
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Lange wurde diskutiert, ob unser Leben von genetischer Veranlagung oder von Erfahrungen bestimmt wird. Doch eine neue Studie bringt eine zusätzliche Perspektive: Es geht nicht nur darum, was wir erben oder erleben – sondern darum, wie unsere DNA uns empfänglicher oder unempfänglicher gegenüber unserer Umwelt macht. Und genau das könnte entscheidend sein für unser psychisches Wohlbefinden.

Natur und Umwelt: kein Gegensatz mehr, sondern ein Zusammenspiel

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© Pixabay – FotoRichter.

Wissenschaftler des King’s College London konnten zeigen, dass unsere Gene nicht isoliert wirken, sondern beeinflussen, wie wir das Erlebte aufnehmen. In einer Analyse von fast 22.000 eineiigen Zwillingen – veröffentlicht in Nature Human Behaviour – wurde deutlich: Die Wechselwirkung zwischen DNA und Umwelt ist zentral, um psychische Erkrankungen wie Autismus, Angststörungen, Depressionen oder ADHS zu verstehen.

Der Clou der Studie liegt nicht nur in ihrem Umfang, sondern in ihrem Ansatz: Statt nach einzelnen Ursachen zu suchen, beobachteten die Forschenden, wie bestimmte genetische Varianten die Sensibilität gegenüber Lebensereignissen verstärken. Thalia Eley, Verhaltensgenetikerin und Mitautorin der Studie, erklärt: „Gene formen unsere Reaktion auf die Umwelt – und schaffen individuelle Pfade zu psychischer Gesundheit oder Belastung.“

Was eineiige Zwillinge über uns verraten

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© Pixabay – TheDigitalArtist.

Warum Zwillinge untersuchen? Weil eineiige Zwillinge nahezu identisches Erbgut haben – Unterschiede zwischen ihnen lassen sich meist auf Umwelteinflüsse zurückführen. Doch diesmal ging die Analyse weiter: Das Team fand heraus, welche Gene Menschen besonders empfänglich für Erfahrungen machen.

Dabei zeigten sich spannende Zusammenhänge: Gene, die mit körperlichem Wachstum zusammenhängen, korrelieren mit autistischen Merkmalen. Gene, die an der Stressantwort beteiligt sind, lassen sich mit Depressionen in Verbindung bringen. Und bestimmte hormonregulierende Gene stehen im Zusammenhang mit psychotischen Erlebnissen. Kurz gesagt: Es ist nicht nur das, was uns passiert – sondern auch, wie unsere Gene uns darauf vorbereiten.

Ein neuer Blick auf psychische Gesundheit

Dieser Ansatz könnte die Behandlung und Prävention psychischer Störungen verändern. Wenn bekannt ist, wie sensitiv jemand auf Umweltreize reagiert, lassen sich Therapien besser anpassen oder frühzeitig ansetzen. Eley betont: „Manche Menschen blühen in unterstützenden Umfeldern auf – sind aber in schwierigen Situationen besonders gefährdet.“

Das feine Zusammenspiel zwischen Genetik und Umfeld zu verstehen, könnte dazu beitragen, Menschen mit psychischen Belastungen eine präzisere Diagnose und eine gezieltere Hilfe zu ermöglichen. Die Debatte „Anlage oder Umwelt“ hat keinen Sieger – entscheidend ist, wie sie zusammenwirken.

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