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Wissenschaft

Was steckt hinter der neuen Ankündigung des US-Gesundheitsministers zum Thema Autismus? Das beunruhigt die Wissenschaft

Die wissenschaftliche Gemeinschaft zeigt sich besorgt über die jüngsten Aussagen von Robert F. Kennedy Jr. über eine angebliche Entdeckung der Ursachen von Autismus. Seine Versprechen, die den wissenschaftlichen Konsens ignorieren, wecken Bedenken hinsichtlich ihrer möglichen Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit. Doch was steckt wirklich hinter diesen Aussagen?
Von Martín Nicolás Parolari Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Eine Ankündigung, die Alarm auslöst

Bei einem öffentlichen Auftritt verkündete RFK Jr., dass in wenigen Monaten eine Studie veröffentlicht werde, die – so seine Worte – die Ursachen dessen aufzeigen werde, was er als „Autismus-Epidemie“ bezeichnet. Unterstützt werde diese Arbeit angeblich von „Hunderten von Wissenschaftlern“. Er ging sogar so weit, die Beseitigung dieser Ursachen zu versprechen.

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Obwohl er es nicht explizit sagte, deuten frühere Aussagen und sein Hintergrund darauf hin, dass er Impfstoffe als Auslöser sieht – eine Theorie, die von der Wissenschaft längst widerlegt wurde.

Diese Behauptungen wurden von Expert*innen scharf kritisiert. So nannte Neil Stone, Spezialist für Infektionskrankheiten in London, die Ankündigung einen „wissenschaftlichen Betrug“, da sie vorgebe, ein derart komplexes Problem in nur fünf Monaten lösen zu können. Auch der französische Kinderpsychiater Hugo Peyre äußerte sich überrascht über das, was er als „besorgniserregendes Unverständnis der medizinischen Literatur“ bezeichnete.

Was die Wissenschaft über Autismus tatsächlich weiß

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Autismus ist eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung mit einem breiten Spektrum. Zwar sind die genauen Ursachen noch nicht vollständig geklärt, doch es wurden zahlreiche Risikofaktoren identifiziert – darunter eine genetische Veranlagung mit etwa 200 beteiligten Genen sowie pränatale Bedingungen wie die Einnahme bestimmter Medikamente während der Schwangerschaft.

Laut Thomas Bourgeron vom Institut Pasteur lassen sich rund 80 % der Fälle auf genetische Mutationen zurückführen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft erforscht diese Zusammenhänge seit Jahrzehnten mit transparenten und strengen Methoden.

Verschwörungstheorien über Impfstoffe hingegen wurden wiederholt widerlegt – insbesondere seitdem die erste Studie, die einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus behauptete, als betrügerisch entlarvt und zurückgezogen wurde. Dennoch kursieren diese Ideen weiterhin in sozialen Netzwerken – und nun auch in offiziellen Reden.

Mehr Diagnosen bedeuten nicht mehr Krankheit

Ein zentrales Argument für die Behauptung einer „Epidemie“ ist der Anstieg der diagnostizierten Fälle. Fachleute betonen jedoch, dass dieser Anstieg vor allem auf verbesserte Diagnosekriterien und bessere Erkennung zurückzuführen ist – nicht auf eine tatsächliche Zunahme der Erkrankung.

Bruno Peyre weist auf den Unterschied zwischen der realen und der gemessenen Prävalenz hin. Letztere sei vor allem gestiegen, weil heute auch weniger offensichtliche Fälle erkannt werden – insbesondere bei Mädchen und Menschen ohne geistige Behinderung.

Thomas Bourgeron erklärt, dass mehr Fälle diagnostiziert würden, weil sowohl Fachleute als auch Familien besser informiert seien. Dies ermögliche frühere und angemessenere Unterstützung. Den Anstieg fälschlicherweise auf einen externen, nicht belegten Faktor wie Impfungen zurückzuführen, ignoriere jahrzehntelangen wissenschaftlichen Fortschritt.

Rückschritt durch Desinformation statt seriöser Forschung

Trotz der eindeutigen Beweislage gegen einen Zusammenhang zwischen Impfstoffen und Autismus hat Kennedy Jr. eine neue Untersuchung durch die US-Gesundheitsbehörde CDC veranlasst. Organisationen wie das Autistic Self Advocacy Network sehen darin den Versuch, bereits widerlegte Ideen erneut zu legitimieren – ohne wissenschaftliche Grundlage.

Die politische Instrumentalisierung falscher Informationen bedeutet nicht nur einen Rückschritt für den öffentlichen Gesundheitsdiskurs, sondern gefährdet auch das Vertrauen in Impfstoffe, die für den Schutz vor schweren Krankheiten unverzichtbar sind.

Anstatt auf längst widerlegte Theorien zurückzugreifen, fordern Fachleute, die tatsächlichen Risikofaktoren für Autismus weiterhin intensiv zu erforschen – insbesondere im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt –, um Prävention und Behandlung weiter zu verbessern.

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