Was wäre, wenn jede:r in Deutschland einfach so jeden Monat 1.200 Euro bekäme – ohne Antrag, ohne Kontrolle, ohne Bedingungen? Was für viele wie Utopie klingt, wird zunehmend als ernsthafte Alternative zum Bürgergeld diskutiert. Während die einen darin ein gerechteres Sozialsystem sehen, warnen andere vor Kontrollverlust und Finanzierungsproblemen. Klar ist: Das Thema spaltet – aber es bewegt.
Zwischen Kritik und Krise: Bürgergeld als Zankapfel

Kaum ein Thema polarisiert derzeit so sehr wie das Bürgergeld. Für die einen ist es zu großzügig, für die anderen nicht ausreichend zum Leben. Schlagworte wie „Sozialmissbrauch“ und „Hartz-IV 2.0“ bestimmen die Diskussionen – ebenso wie Berichte über Sanktionen, Bürokratie und Stigmatisierung.
Immer wieder wird daher der Ruf nach einem radikalen Umbau des Sozialsystems laut. Weniger Kontrolle, mehr Würde – so lautet die Devise vieler Befürworter:innen des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE).
Was steckt hinter dem bedingungslosen Grundeinkommen?
Die Idee: Jeder Mensch – ob arm oder reich, arbeitend oder nicht – erhält monatlich eine feste Summe Geld vom Staat. Ohne Gegenleistung. Ohne Bedürftigkeitsprüfung. Ohne Angst, etwas „falsch“ zu machen.
Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) liegt der Richtwert bei 1.200 Euro für Erwachsene und 600 Euro für Kinder. Die Auszahlung erfolgt unabhängig vom sozialen Status – jede:r bekommt dasselbe.
Das Ziel: Existenz sichern, Teilhabe ermöglichen und die Freiheit schaffen, ohne Druck über das eigene Leben entscheiden zu können.
Prominente Stimmen für ein neues System
Eine der Stimmen, die das Thema aktuell wieder aufgreifen, ist Sabine Werth, Gründerin der Berliner Tafel. In einem Gastbeitrag schreibt sie:
„Die Schere zwischen oben und unten geht immer weiter auseinander. Aber nur zu klagen, bringt nichts.“
Sie fordert, sich mutig auf das „Experiment Grundeinkommen“ einzulassen – oder zumindest dafür zu sorgen, dass Vermögende stärker zum Gemeinwohl beitragen.
Auch der verstorbene dm-Gründer Götz Werner war zu Lebzeiten ein leidenschaftlicher Befürworter:
„Das Grundeinkommen soll keine Belohnung ohne Leistung sein – sondern Leistung erst ermöglichen.“
Seine Vision: Mehr Zeit für Familie, mehr Mut für Unternehmertum, mehr Freiheit durch finanzielle Sicherheit.
Kritik aus der Ökonomie – und der Realität
Doch nicht alle sind überzeugt. Tobias Hentze vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) warnt:
„Geld gerecht zu verteilen funktioniert vielleicht in kleinen Gemeinschaften, aber nicht in einem Land mit über 80 Millionen Menschen.“
Er sieht den Kapitalismus als das flexiblere Modell, weil er unterschiedliche Weltanschauungen unter einem wirtschaftlichen Dach vereinen kann – im Gegensatz zum Grundeinkommen, das eine gemeinsame Vorstellung von Gerechtigkeit voraussetze.
Auch stellt sich die Frage: Wer soll das alles bezahlen? Kritiker befürchten eine massive Steuerbelastung, Einschnitte bei anderen Sozialleistungen oder eine hohe Inflation.
Modellversuch in Hamburg – ein Schritt Richtung Praxis?
Trotz der Skepsis wächst das öffentliche Interesse. In Hamburg bereitet ein Bündnis einen Volksentscheid vor: Wenn genug Stimmen gesammelt werden, sollen ab Herbst 2025 2.000 Menschen drei Jahre lang ein Grundeinkommen erhalten – unabhängig von ihrem Einkommen.
Das Ziel: Herausfinden, wie sich das Leben mit BGE verändert – in Bezug auf Arbeit, Gesundheit, Bildung und gesellschaftliches Engagement. Die Hoffnung: Ergebnisse, die die Debatte endlich faktenbasiert voranbringen.
Eine alte Idee in neuer Schärfe
Das bedingungslose Grundeinkommen ist kein neues Konzept – aber selten war es so präsent und umkämpft wie jetzt. Zwischen wachsender Ungleichheit, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und der Suche nach sozialer Innovation bietet das BGE eine radikale, aber faszinierende Alternative.
Ob es realistisch ist? Schwer zu sagen. Aber dass immer mehr Menschen es sich zumindest vorstellen können, zeigt: Die Sehnsucht nach einem gerechteren System ist größer denn je.
Quelle: www.fr.de