Neandertaler sind weit gereist – von Europa bis tief hinein nach Asien. Doch wie haben sie solche Distanzen in einer Zeit ohne Straßen, Kompasse oder Karten überhaupt bewältigt? Eine neue Studie bringt nun Licht ins Dunkel und zeigt: Unsere prähistorischen Verwandten legten diese Reisen nicht nur zurück – sie waren dabei auch überraschend schnell.
Ein Forscherteam um die Anthropologin Emily Coco von der New York University hat mithilfe von Computersimulationen untersucht, wie Neandertaler die Altai-Berge im südlichen Sibirien erreicht haben könnten. Zwei Zeiträume standen dabei im Fokus: vor etwa 125.000 Jahren und erneut rund 60.000 Jahre später – beides wärmere Klimaperioden, die den Aufbruch erleichtert haben dürften.
Durchs Gebirge, entlang der Flüsse
Laut den Modellen könnten Neandertaler in weniger als 2.000 Jahren eine Strecke von über 3.200 Kilometern zurückgelegt haben – von der Kaukasusregion bis in die Altai-Berge. Der Schlüssel zu dieser rasanten Ausbreitung: Flusstäler. Diese natürlichen Korridore ermöglichten es den Frühmenschen, sich relativ unkompliziert durch herausfordernde Landschaften wie das Uralgebirge und Südsibirien zu bewegen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Neandertaler trotz geografischer Hürden wie Gebirgszügen oder großen Flüssen erstaunlich schnell durch Nordeurasien ziehen konnten“, so Coco in einer Mitteilung der Universität. Die Studie erschien kürzlich in der Fachzeitschrift PLOS One.
Simulation statt Spaten
Weil archäologische Spuren aus dieser Zeit rar sind, setzt die Forschung zunehmend auf virtuelle Rekonstruktionen. Die Modelle der Studie berücksichtigen verschiedene Umweltfaktoren wie Temperatur, Höhenlagen, Flussverläufe und Gletscher. Laut Co-Autor Radu Iovita, Professor am Zentrum für menschliche Ursprünge der NYU, handelt es sich um den ersten gezielten Versuch, diese Technik auf die Wanderbewegungen von Neandertalern anzuwenden.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Beide simulierten Migrationswellen verlaufen über ähnliche nördliche Routen – durch das Uralgebirge, entlang sibirischer Flüsse bis ins Altai-Gebirge. Diese Regionen stimmen mit bekannten Fundorten von Neandertalern und auch Denisova-Menschen überein – jenen mysteriösen Verwandten, mit denen sich Neandertaler nachweislich fortgepflanzt haben.
Migration war fast unausweichlich
„Andere Forschende haben auf Grundlage genetischer Daten bereits vermutet, dass es solche schnellen, weiträumigen Migrationen gegeben haben könnte“, sagt Iovita. „Aber es fehlten bisher die Beweise. Unsere Simulationen zeigen: Angesichts der damaligen Landschaftsbedingungen während warmer Klimaperioden war diese Ausbreitung nahezu unausweichlich.“
Die Studie macht jedoch auch deutlich, dass sie nicht alle möglichen Einflussfaktoren berücksichtigt – etwa Nahrungsquellen, kurzfristige Wetterereignisse oder Vegetationspräferenzen. Dennoch bieten die Modelle eine plausible Ergänzung zum begrenzten archäologischen Wissen.
Digitale Detektive der Urgeschichte
In einer Welt, in der sich digitale Methoden und klassische Archäologie zunehmend ergänzen, liefert diese Forschung einen spannenden Ansatz, um die Bewegungen unserer Vorfahren besser zu verstehen. Auch wenn es vielleicht nicht ganz so abenteuerlich ist wie mit einem Wikingerschiff die norwegische Küste entlangzusegeln, zeigt die Studie eindrucksvoll, wie moderne Technik längst vergangene Kapitel der Menschheitsgeschichte neu aufschlagen kann.