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Wissenschaft

Neandertaler hatten größere Gesichter – wir sind die Ausreißer der Evolution

Durch den Vergleich von Schädeln moderner Menschen, Neandertaler und Schimpansen haben Forschende ein faszinierendes Merkmal entdeckt, das unsere Gesichter einzigartig macht.
Von Margherita Bassi Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Neandertaler und moderne Menschen mögen eng verwandt sein, doch sie haben sich vor etwa 500.000 bis 650.000 Jahren von einem gemeinsamen Vorfahren getrennt – und sind seither in völlig unterschiedliche Richtungen evolviert. Eines der auffälligsten Unterschiede? Die Gesichter. Neandertaler hatten größere, markantere Gesichtszüge, während unsere heutigen Gesichter im Vergleich eher zierlich wirken. Warum das so ist, hat die Paläoanthropologie lange beschäftigt. Jetzt bringt eine neue Studie endlich Licht ins Dunkel – zumindest teilweise.

In einer am Montag veröffentlichten Untersuchung im Journal of Human Evolution zeigt ein internationales Forschungsteam: Unsere Gesichter hören viel früher auf zu wachsen als die der Neandertaler. Und: Die Knochenbildung rund um Wangen und Nase war bei Neandertalern deutlich ausgeprägter. Die Erkenntnis liefert zwar nicht direkt das „Warum“ hinter den unterschiedlichen Gesichtsformen, erklärt aber das „Wie“ – und hebt einen einzigartigen Entwicklungspfad des modernen Menschen hervor.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine Veränderung in der Entwicklung – insbesondere in späten Wachstumsphasen – zu kleineren Gesichtern geführt hat“, erklärt Alexandra Schuh, Erstautorin der Studie und Postdoc am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Im Gegensatz zu Neandertalern und Schimpansen, deren Gesichtswachstum länger anhält, stoppt es beim modernen Menschen bereits in der Jugend – was zu einem kleineren Erwachsenengesicht führt.“

Neandertaler-Gesichter wachsen länger – und mehr

Um die Unterschiede genau zu analysieren, verglich das Forschungsteam die Schädel von insgesamt 128 modernen Menschen, 13 Neandertalern und 33 Schimpansen. Dabei beobachteten sie nicht nur Veränderungen in der Gesichtsform, sondern auch die Aktivität der knochenbildenden Zellen über die Lebensspanne hinweg.

Die Ergebnisse sprechen für sich: Die mittleren Gesichtsbereiche (also der Bereich zwischen Augen und Mund) sind bei Neandertalern bereits bei der Geburt größer – und wachsen dann noch deutlich länger weiter. Diese verlängerte Wachstumsphase führt zu ihrer charakteristisch hervortretenden Gesichtsstruktur. Besonders in Kindheit und Jugend erlebt das Neandertaler-Gesicht einen regelrechten Wachstumsschub.

Im Gegensatz dazu erreichen unsere Gesichter ihre endgültige Größe meist schon in der Pubertät. Das Resultat: ein kleinerer, feinerer Mittelgesichtsbereich. Und während Schimpansen ihre eigenen, voneinander abweichenden Wachstumsmuster aufweisen, ähneln sie in diesem Punkt den Neandertalern mehr als uns.

„Das frühere Wachstumsende ist ein wirklich einzigartiges Merkmal unserer Spezies“, so Schuh gegenüber Live Science. „Wir haben ein Entwicklungsprofil identifiziert, das ausschließlich bei Homo sapiens vorkommt.“

Mikroskopische Hinweise: Weniger Knochenumbau, weniger Wachsen

Auch auf mikroskopischer Ebene zeigt sich der Unterschied: Bei modernen Menschen ist die sogenannte Knochenresorption – also der natürliche Abbau von Knochengewebe – reduziert. Dieser Prozess gehört zum lebenslangen Knochenumbau, bei dem altes Gewebe abgebaut und durch neues ersetzt wird. Weniger Resorption bedeutet gleichzeitig weniger Aktivität in der Knochenbildung – was wiederum zu einem früheren Wachstumsstopp führt.

Bei Neandertalern hingegen war der Knochenaufbau – besonders unterhalb der Augen und rund um die Nase – deutlich aktiver. Kombiniert mit einem schnelleren Wachstumstempo erklärt das die auffällige Größe ihrer mittleren Gesichtspartie.

Schimpansen wiederum zeigten besonders in der Region rund um ihre markanten Eckzähne ein ganz eigenes Knochenwachstum, das sich sowohl von Menschen als auch von Neandertalern unterschied.

Warum wir so aussehen? Die Debatte geht weiter

Was die Studie zwar erklärt: wie wir zu unseren Gesichtern gekommen sind. Doch die Frage nach dem Warum bleibt weiterhin offen. Einige Forschende vermuten, dass eine veränderte Ernährung oder die Entwicklung der Sprache eine Rolle gespielt haben könnten. Andere vertreten die sogenannte „Selbst-Domestikationshypothese“ – die Idee, dass der moderne Mensch sich durch kulturellen Wandel bewusst oder unbewusst selbst in eine friedlichere, sozialere Richtung gezüchtet hat.

„Die Verfeinerung des Gesichts beim modernen Menschen könnte mit Verhaltensänderungen zusammenhängen, etwa einer erhöhten sozialen Kooperation oder geringerer Aggression“, erklärt Sarah Freidline, Mitautorin der Studie und biologische Anthropologin an der University of Central Florida, gegenüber Anthropology.net.

Wir sind die evolutionäre Ausnahme

Es ist ein weiterer Beleg dafür, wie einzigartig unsere Spezies im Tierreich ist. Selbst im Vergleich zu unseren nächsten Verwandten, den Neandertalern, zeigen wir deutliche Unterschiede, die tief in unserer Entwicklungsgeschichte verankert sind.

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