Ende Mai forderten unter anderem die International Society for Cell and Gene Therapy (ISCT) ein weltweites Moratorium für die genetische Bearbeitung der menschlichen Keimbahn mithilfe von CRISPR & Co. In ihrer Erklärung betonten sie die Notwendigkeit strengerer Regulierungen, um solche Experimente zu verhindern.
„Keimbahn-Editing birgt ernsthafte Sicherheitsrisiken mit potenziell irreversiblen Folgen“, warnte Bruce Levine von der Universität Pennsylvania. „Wir haben schlichtweg noch nicht die nötigen Werkzeuge, um es heute – oder in den nächsten zehn Jahren – sicher umzusetzen.“
Dank Technologien wie CRISPR wird Gen-Editing immer einfacher und günstiger – auch am Menschen. Besonders brisant: Beim Keimbahn-Editing werden Ei- und Samenzellen sowie Embryonen dauerhaft verändert, sodass diese Änderungen an die Nachkommen vererbt werden.
2018 machte der chinesische Forscher He Jiankui weltweit Schlagzeilen, als er mehrere menschliche Embryonen mit CRISPR veränderte, um HIV-Immunität zu erzeugen. Drei Kinder wurden tatsächlich mit modifizierter DNA geboren. Die Forschung verstieß gegen ethische Standards und Gesetze – He wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Doch das Ereignis zeigte: Keimbahn-Editing ist längst technisch machbar, wenn auch ethisch höchst umstritten.
Wann könnten wir also tatsächlich damit beginnen, unsere Kinder genetisch zu verändern? Und sollten wir das überhaupt?
Vier renommierte Bioethiker geben dazu ihre Einschätzung.
Arthur Caplan. Bioethiker an der New York University
„Ich beschäftige mich seit über 40 Jahren mit dieser Frage. Genetische Verbesserungen von Kindern – diese Ideen gibt es schon lange, denken wir nur an Eugenik im Dritten Reich oder ähnliche Strömungen in den USA. Was uns heute fehlt, sind sichere, präzise Werkzeuge. Die bisherigen Verfahren sind noch viel zu grob und unsicher. Ich rechne frühestens in zehn Jahren mit einem ernsten Durchbruch.
Ein weiteres Problem wird der Zugang sein: Wenn sich nur Reiche genetisch optimierte Kinder leisten können, droht eine gespaltene Gesellschaft. Doch solche Ungleichheiten haben Technologien historisch nie aufgehalten.
Ein legitimes ethisches Problem sehe ich aber: Verengen wir durch genetische Vorgaben die Lebensoptionen unserer Kinder? Wer ein „perfektes“ Kind designt, beraubt es möglicher anderer Wege. Daher: Ja, wir werden genetische Modifikationen bei Kindern erleben – aber nicht vor dem Ende dieses Jahrzehnts.“
Marsha Michie. Bioethikerin an der Case Western Reserve University
„Es gibt bereits Kinder, die durch Gen-Editing behandelt wurden, etwa gegen Sichelzellenanämie. Diese sogenannten somatischen Eingriffe werden nicht vererbt – ganz anders beim Keimbahn-Editing.
Doch hier verschwimmen die Grenzen: Manche Verfahren könnten unbeabsichtigt auch die Keimbahn verändern. Und für viele betroffene Familien wäre eine dauerhafte Heilung durch Keimbahn-Editing durchaus wünschenswert. Gleichzeitig lehnen es andere, etwa gehörlose oder autistische Menschen, ab, als ‚krank‘ betrachtet zu werden.
Entscheidend wird sein, dass der Diskurs breiter wird – unter Einbeziehung der betroffenen Menschen und nicht nur von Wissenschaft und Politik. Die riesigen Kosten und der begrenzte Zugang sind aktuell ohnehin die größte Hürde.“
James J. Hughes. Bioethiker und Direktor des Institute for Ethics and Emerging Technologies
„Ja, wir sollten genetische Modifikationen bei Kindern zulassen – wenn sie sicher, effektiv und freiwillig sind. Viele Verbotsforderungen basieren eher auf Angst als auf Fakten, ähnlich wie frühere moralische Paniken etwa zu IVF oder Verhütung.
Natürlich braucht es strikte Regulierung und unabhängige Kontrolle. Aber wir brauchen keine neue Ethikbürokratie, sondern wissenschaftsbasierte Aufsicht und das Recht der Eltern, über ihr Kind mitzuentscheiden.
Das Argument, dass genetische Verbesserungen gesellschaftliche Normen verändern könnten, stimmt zwar – doch genau das tun medizinische Fortschritte ständig. Entscheidend wird sein, dass der Zugang fair bleibt und sich nicht nur Reiche Vorteile erkaufen können.“
Kerry Bowman. Bioethiker und Umweltwissenschaftler an der University of Toronto
„Man muss unterscheiden zwischen genetischer Heilung und genetischem Enhancement. Für letzteres sind wir noch längst nicht so weit.
Selbst für gezielte Heilungen – etwa bei Huntington oder Muskeldystrophie – verstehen wir die Risiken noch nicht annähernd vollständig. Veränderungen in der Keimbahn wären für alle künftigen Generationen irreversibel. Wer kann und darf hier Entscheidungen treffen, die weit in die Zukunft reichen?
Ein Moratorium klingt gut, muss aber aktiv gestaltet werden: ohne Forschung und gesellschaftlichen Diskurs passiert sonst zehn Jahre lang nichts. Zudem profitieren nur Hochlohnländer von solchen Technologien – die große globale Herausforderung bleibt der gerechte Zugang zu Gesundheitsversorgung, nicht das Designer-Baby.“