In völliger Dunkelheit, auf schwankendem Wasser und mit kaum mehr als Sternen zur Orientierung: Was heute riskant erscheint, war für eine kleine Gruppe von Jägern und Sammlern vor 8500 Jahren Realität. Neue archäologische Funde auf Malta belegen, dass Menschen das Mittelmeer in Booten überquerten – tausend Jahre früher als bisher angenommen. Diese Reise markiert nicht nur den Beginn der Besiedlung der Insel, sondern wirft auch ein neues Licht auf die Fähigkeiten und den Mut der letzten europäischen Wildbeuter.
100 Kilometer über offene See – ohne Kompass, ohne Karte

Was auf den ersten Blick wie eine kurze Reise erscheint – nur 85 Kilometer trennen Sizilien und Malta – war in Wirklichkeit eine hochriskante Expedition.
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Vermutlich legten die Seefahrer eine Route von rund 100 Kilometern zurück
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Navigation erfolgte über Strömungen, Landmarken und Sterne
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Selbst im Hochsommer bedeutete die Fahrt mehrere Stunden völliger Dunkelheit
Als Boote dienten wahrscheinlich Einbäume, ausgehöhlte Baumstämme, oder Flöße aus Schilfrohr oder Tierhäuten – unsicher, aber effektiv.
Die ersten Spuren auf Malta – Jäger, nicht Bauern
Bei Ausgrabungen in der Latnija-Höhle im Norden Maltas fanden Archäologen:
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Feuerstellen und erhitzte Speisereste
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Steinwerkzeuge
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Tierknochen und Muscheln mit Schnittspuren
Das Team des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie datierte die Fundschicht auf etwa 8500 Jahre. Die Jäger und Sammler ernährten sich flexibel und vielseitig:
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Rothirsche, Meeresschnecken, Fische, Vögel
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Robben, Seeigel, Landschildkröten und Krebstiere
Diese Anpassungsfähigkeit könnte ihnen das Überleben auf einer kargen Insel wie Malta ermöglicht haben.
Warum diese gefährliche Reise?
Die Beweggründe für die weite Überfahrt bleiben rätselhaft. Die Forscher vermuten:
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Ressourcenmangel auf dem Festland
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Sozialer Druck durch das Vordringen neolithischer Bauern
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Oder Neugier und Entdeckungslust – ein Pionierimpuls
„Die Besiedlung erfolgte vielleicht aus Not, vielleicht aber auch aus Mut,“ meint Studienleiterin Eleanor Scerri.
Die frühesten Seefahrer des Mittelmeers
Bisher galten 50 Kilometer als die maximale bekannte Hochsee-Überfahrt für Jäger und Sammler im Mittelmeer. Die Malta-Route ist:
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Doppelt so lang
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Teilweise nachts erfolgt
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Und ohne Sichtkontakt zum Ziel gestartet
Entgegen bisherigen Annahmen bewiesen die prähistorischen Seefahrer damit beeindruckende Navigationsfähigkeiten – ein Wendepunkt in der Geschichte menschlicher Mobilität.
Der Übergang zur Sesshaftigkeit – das Ende einer Ära
Etwa 1000 Jahre nach der ersten Ankunft verschwinden die Spuren der Jäger und Sammler. Dann treten die ersten landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften in Erscheinung – vermutlich ebenfalls über das Meer eingewandert.
Die Fundstelle auf Malta markiert also:
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Das Ende der mobilen Wildbeuterzeit
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Den Beginn des Neolithikums auf den Inseln
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Und eine neue Sicht auf das frühe Mittelmeer als Netzwerk menschlicher Bewegung
Fazit:
Diese Entdeckung erweitert die Vorgeschichte Europas um ein ganzes Jahrtausend – und rückt die letzten Jäger und Sammler ins Rampenlicht: nicht als primitive Überlebenskünstler, sondern als furchtlose Seefahrer, die mit einfachsten Mitteln das Unmögliche wagten. Malta wurde nicht entdeckt –
Quelle: www.welt.de