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US-YouTuber riskiert Knaststrafe nach verbotener Kontaktaufnahme mit isoliertestem Volk der Welt

Ein amerikanischer YouTuber sorgt erneut für Schlagzeilen – diesmal wegen eines riskanten Stunts, der nicht nur ihn das Leben hätte kosten können, sondern auch ein ganzes indigenes Volk bedrohte.
Von Margherita Bassi Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Der YouTuber Mykhailo Viktorovych Polyakov, online bekannt als Neo-Orientalist, steht aktuell in Indien vor rechtlichen Konsequenzen, nachdem er im März versuchte, illegal mit den Sentinelese in Kontakt zu treten – einem der abgeschottetsten Völker der Welt. Die Organisation Survival International, die sich für indigene Rechte einsetzt, schlug Alarm und erklärte, dass derartige Aktionen nicht nur respektlos, sondern auch extrem gefährlich seien – für beide Seiten.

Ein Kontaktversuch mit potenziell tödlichen Folgen

Die Sentinelese leben auf North Sentinel Island, einer bewaldeten Insel im Indischen Ozean, etwa so groß wie Manhattan. Sie lehnen jeden Kontakt mit der Außenwelt strikt ab – und das mit gutem Grund. Aufgrund ihrer Isolation haben sie keinerlei Immunität gegen Krankheiten wie Grippe oder Masern. Ein einfacher Virus, eingeschleppt durch einen Außenstehenden, könnte fatale Folgen haben.

Trotz dieser bekannten Risiken ließ sich Polyakov davon nicht abschrecken. Er landete mit einem Boot auf der Insel, ließ eine Kokosnuss und eine Cola-Dose zurück – und hatte Glück: Keiner der Inselbewohner zeigte sich. Doch die indischen Behörden griffen hart durch und nahmen ihn fest. Nun droht ihm eine Haftstrafe.

„In einem völlig verantwortungslosen Versuch, in den sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erlangen, hätte er beinahe das gesamte Volk der Sentinelese ausgelöscht“, heißt es in einem Statement von Survival International.

Geschichte voller Warnsignale

Die indische Regierung erklärte North Sentinel Island bereits vor Jahren zur Sperrzone. Bereits in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren gab es diverse Kontaktversuche – viele endeten mit Pfeilen, Gewalt oder sogar dem Tod. Seitdem lässt Indien das Volk in Ruhe, um dessen Lebensweise und Gesundheit zu schützen.

Ein besonders tragisches Beispiel: 2018 wurde der amerikanische Missionar John Allen Chau bei einem illegalen Missionsversuch auf der Insel von den Sentinelese getötet. Polyakov hätte leicht dasselbe Schicksal erleiden können.

Lebensweise der Sentinelese: Ein Rätsel mit wenigen Hinweisen

Über die Sentinelese ist nur sehr wenig bekannt – und das ist auch gewollt. Beobachtungen erfolgen aus sicherer Entfernung, meist von Booten, die außerhalb der Reichweite ihrer Pfeile ankern. Nur in seltenen Fällen, wie etwa 1991, kam es zu kurzen friedlichen Interaktionen, bei denen sie Geschenke entgegennahmen.

Die wenigen bekannten Details: Die Sentinelese leben vermutlich von Jagd, Fischfang und Sammeln, bewegen sich in Auslegerkanus übers Wasser und wohnen in einfachen Hütten. Sie stellen selbst Waffen wie Pfeile, Speere und Bögen her. Man hat beobachtet, dass sowohl Kinder als auch schwangere Frauen auf der Insel leben – die geschätzte Bevölkerungszahl liegt bei etwa 150. Wie sie sich selbst nennen oder wie sie ihre Insel bezeichnen, weiß jedoch niemand.

Koloniale Wunden, die nie verheilt sind

Die ablehnende Haltung der Sentinelese ist historisch nachvollziehbar. Im 19. Jahrhundert entführte ein britischer Offizier zwei Älteste und vier Kinder von der Insel. Die Älteren starben kurz darauf, die Kinder wurden zurückgebracht – mit Geschenken. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass sie zuvor Krankheiten eingeschleppt hatten. Solche Erlebnisse könnten eine tief verwurzelte Angst und Ablehnung gegenüber Außenstehenden ausgelöst haben – eine Art generationenübergreifendes Trauma.

Auch andere indigene Gruppen in der Region erlitten tragische Schicksale nach Kontakt mit Außenstehenden. Die Bevölkerung der Onge auf der nahegelegenen Insel Little Andaman schrumpfte laut Survival International nach der Kolonialisierung durch die Briten und indischen Siedlern um rund 85 %. Die Great Andamanese verloren sogar 99 % ihrer Bevölkerung.

„Sie haben sich entschieden – und das ist klug“

Survival International bringt es auf den Punkt: „Die Sentinelese haben klar gemacht, dass sie keinen Kontakt wollen. Und das ist eine kluge Entscheidung.“ Sie leben seit Jahrtausenden unabhängig, im Einklang mit ihrer Umwelt. Dass westliche Influencer diese Entscheidung aus Geltungssucht ignorieren, ist nicht nur gefährlich – es ist zutiefst respektlos.

Der Fall Polyakov reiht sich in eine wachsende Liste von Fällen ein, in denen Social-Media-Stars für Klicks Grenzen überschreiten – geografische wie moralische. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Plattformen und ihre Nutzer*innen nicht nur Likes und Views hinterfragen, sondern auch die Verantwortung, die mit Reichweite einhergeht.

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