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Kino und Serien

Severance und der Umgang mit Trauer: Echt, roh und dystopisch zugleich

Wie die Apple TV+ Sci-Fi-Serie den Tod und existenziellen Verlust inszeniert
Von Cheryl Eddy Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Trauer war schon in der ersten Staffel von Severance ein zentrales Thema – allerdings hauptsächlich in Marks „Outtie“-Welt. In Staffel zwei wird der Verlust nun auch innerhalb von Lumon Industries spürbar, was selbst die „Innies“ – die emotional kaum ausgestattet sind – dazu bringt, über den Tod nachzudenken.

In Staffel eins erfahren wir, dass sich Hauptfigur Mark Scout für das „Severance“-Verfahren entschieden hat, weil er glaubte, dass es ihm helfen würde, den Tod seiner Frau Gemma zu verarbeiten. Sie kam vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben, und Mark hat den Verlust nie wirklich überwunden. Noch immer bricht er in Tränen aus, bevor er das Büro betritt – doch die acht Stunden im Lumon-Gebäude bieten ihm eine Art Zuflucht. Sein Zuhause ist zwar voller Erinnerungsstücke an Gemma, darunter Fotos und alte Strickutensilien, doch ihr Fehlen ist allgegenwärtig.

Der bittere Twist: Sie lebt noch. Diese Schock-Enthüllung bekommen nicht nur die Zuschauer, sondern auch Innies-Mark in der finalen Episode der ersten Staffel mit – ein Moment, der ihn in Panik ausbrechen lässt. Die Wahrheit? Seine verstorbene Ehefrau ist Ms. Casey, die Psychologin des Wellness Centers bei Lumon. Noch verstörender ist die Tatsache, dass Ms. Casey als „severed“ Angestellte nur an wenigen Tagen überhaupt bei Bewusstsein war – und anscheinend niemals in ihre Outtie-Existenz zurückkehrt. Sie ist durchgehend bei Lumon gefangen.

Welche dunklen Absichten verfolgt Lumon?

Warum steckt Lumon so viel Aufwand in dieses perfide Versteckspiel? Noch ist das unklar. In Staffel zwei entscheidet sich Outtie-Mark für ein riskantes Re-Integrationsverfahren, als ihm bewusst wird, dass Gemma vielleicht nie wirklich gestorben ist – sondern irgendwo in den dunklen Tiefen von Lumon festgehalten wird. Er setzt alles aufs Spiel, um die Wahrheit herauszufinden.

Gleichzeitig beginnt auch Innie-Mark, nach Ms. Casey zu suchen – doch während ihm die emotionale Bindung seines Outties fehlt, spürt er instinktiv, dass an der Sache etwas nicht stimmt. Leider dürfte es bereits zu spät sein: Am Ende der ersten Staffel wurde Ms. Casey auf die gefürchtete „Testing Floor“ verbannt, und auch nach fünf Episoden von Staffel zwei ist sie nicht wieder aufgetaucht.

Ein weiteres Hindernis für Marks Re-Integration ist das Schicksal seines ehemaligen Kollegen Petey. In Staffel eins erfahren die Innies, dass Petey plötzlich nicht mehr bei Lumon arbeitet. Doch im Gegensatz zu einer normalen Kündigung bedeutet das für Severed-Mitarbeiter den endgültigen Tod: Ihre Outtie-Version lebt vielleicht weiter, aber die Person, die ihre Kollegen kannten, ist unwiderruflich verschwunden.

Für Innie-Mark ist Peteys „Tod“ somit tragischer als für seinen Outtie – denn Letzterer kannte ihn gar nicht wirklich. Dennoch fühlt sich Outtie-Mark verpflichtet, zu Peteys Beerdigung zu gehen. Dort trifft er auf seine mysteriöse Nachbarin „Mrs. Selvig“, die eigentlich Ms. Cobel ist, seine Chefin bei Lumon. Sie erscheint dort nicht etwa aus Mitgefühl, sondern um den Chip aus Peteys Kopf zu stehlen.

Liebe, Verlust und eine brutale Wahrheit

Während Ms. Cobels Vergangenheit noch viele offene Fragen aufwirft, zeigt Severance eine weitere herzzerreißende Facette von Trauer – die Geschichte von Innie-Irving und Innie-Burt. Die beiden lernen sich zufällig kennen, obwohl sie in rivalisierenden Abteilungen arbeiten. Ihre vorsichtige Romanze gehört zu den wenigen warmen Momenten der Serie.

Doch das Glück hält nicht lange: Burt „geht in Rente“, ein weiteres Wort für das märchenhaft inszenierte Verschwinden eines Severed-Mitarbeiters. Irving bricht darüber zusammen. Als er in der außenwelt aktiviert wird, sucht er in einem verzweifelten Moment Burts Haus auf – nur um dort einen Mann zu sehen, der eindeutig Burts Ehemann sein könnte. Eine brutale Wahrheit: In Outtie-Irvings Welt hat Burt kein Interesse an ihm.

Doch die Verluste hören hier nicht auf. Am Ende von Episode vier wird Irving selbst gefeuert. Für seine Kollegen ist das gleichbedeutend mit seinem Tod. Dylan, der die Situation am schwersten verkraftet, verlangt von Mr. Milchick, dem Manager der severed Floor, eine Art Abschiedsritual – das zu einer verstörend-feierlichen Zeremonie wird, inklusive einer aus Wassermelone geschnitzten Irving-Büste und kitschigen Party-Gadgets. Während Dylan seine Emotionen offen herauslässt, zeigt Mr. Milchicks jugendlicher Assistent deutliche Abneigung – für ihn sind die Innies nichts weiter als Arbeitswerkzeuge, die nicht das Recht auf Trauer haben.

Mit Irvings abruptem Verschwinden schrumpft das MDR-Team auf drei Mitglieder zusammen. Doch die wahre Bedrohung ist nicht ihr neuer Arbeitsalltag, sondern die ungeklärten Mysterien um Gemma/Ms. Casey und Lumons dunkle Machenschaften. Outtie-Mark ist entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen – koste es, was es wolle. Denn hinter der Perfektion der Severance-Trennung lauert ein unermesslicher Schmerz, den Lumon nur allzu gerne ausnutzt.

Neue Episoden von Severance erscheinen jeden Freitag auf Apple TV+.

 

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