Cannabis boomt: So viele Erwachsene kiffen wie nie zuvor. Viele halten Marihuana für harmlos, natürlich oder sogar medizinisch sinnvoll. Doch eine wachsende Zahl von Studien zeigt: Das stimmt so nicht – besonders nicht fürs Herz.
Eine neue Untersuchung, veröffentlicht am Dienstag (17. Juni) im Fachjournal Heart, liefert jetzt neue Beweise: Wer regelmäßig Cannabis konsumiert, verdoppelt sein Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Besonders hoch sind die Risiken für Schlaganfälle und akutes Koronarsyndrom (ACS) – also plötzliche Durchblutungsstörungen im Herzen, etwa Herzinfarkte.
„Auch wenn es ein Naturprodukt ist, ist es wichtig, dass die Leute die Risiken kennen“, sagt Mitautorin Emilie Jouanjus, Pharmakologin an der Universität Toulouse, gegenüber Gizmodo.
Dass die Zahlen so deutlich ausfallen, überrascht sie kaum: Jouanjus forscht seit über zehn Jahren zu den Gesundheitsrisiken von Cannabis – und hofft, dass diese Erkenntnisse zu einem bewussteren Umgang mit der Droge führen.
Cannabis ist nicht harmlos
In den vergangenen zehn Jahren hat die zunehmende Legalisierung den Zugang zu Cannabis deutlich erleichtert und die gesellschaftliche Akzeptanz gesteigert – was den Freizeit- und medizinischen Konsum weiter anheizt.
Doch genau deshalb plädieren Jouanjus und ihr Team dafür, Cannabis ähnlich wie Tabak zu behandeln: nicht kriminalisieren, aber mit klaren Warnungen vor den Gesundheitsrisiken aufklären.
Für ihre Analyse haben die Forscher:innen 24 Studien ausgewertet, die zwischen 2016 und 2023 veröffentlicht wurden. Insgesamt flossen Daten von rund 200 Millionen Personen (im Alter zwischen 19 und 59 Jahren) ein.
Im Fokus: tödliche und nicht tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse – also Schlaganfälle, akutes Koronarsyndrom sowie Herz-Kreislauf-bedingte Todesfälle.
Das Ergebnis:
– 29 % höheres Risiko für ACS
– 20 % höheres Risiko für Schlaganfälle
– Doppelt so hohes Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben
Noch viele offene Fragen
Zwar liefert die Meta-Analyse ein umfassendes Bild zum Zusammenhang zwischen Cannabis und Herz-Kreislauf-Risiken – doch viele Details bleiben unklar.
So fehlten in den ausgewerteten Studien oft Angaben dazu, wie genau und in welcher Dosis Cannabis konsumiert wurde. Offene Fragen sind also:
– Ab welcher Menge wird es gefährlich?
– Wie unterscheiden sich Gelegenheitskonsument:innen von Dauerkiffer:innen?
– Ist Edibles-Essen wirklich gesünder als Rauchen?
Erste Hinweise dazu liefert ein weiteres Team um Matt Springer, Kardiologe an der University of California, San Francisco. Seine kürzlich veröffentlichte Studie in JAMA Cardiology zeigt: Auch Edibles erhöhen das Risiko für Herzprobleme – die Vorstellung, dass Essen weniger schädlich sei als Rauchen, ist also ein Mythos.
Auch Springer wundert das alles wenig: „Es passt zu mehreren Studien der letzten Jahre, die immer wieder Zusammenhänge zwischen Cannabis-Konsum und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigen“, sagt er.
Seine eigenen Untersuchungen zeigen außerdem: Cannabis-Nutzer*innen haben eine eingeschränkte Gefäßfunktion – ihre Blutgefäße weiten sich weniger gut. Dadurch steigt das Risiko für Herzinfarkte und Co.
Warum ist Cannabis gefährlich fürs Herz?
Mehrere Mechanismen könnten eine Rolle spielen:
– Cannabis fördert – ähnlich wie Tabak – die Bildung von Ablagerungen (Plaques) in den Arterienwänden.
– Dadurch steigen die Risiken für Herzinfarkt, Schlaganfall und arterielle Verschlusskrankheiten.
– THC, der psychoaktive Wirkstoff in Cannabis, ist heute deutlich konzentrierter als noch vor 20 Jahren – was die Effekte auf das Herz verstärken könnte.
Vorsicht ist angebracht
Klar ist: Um endgültig zu verstehen, warum und wie Cannabis dem Herz schadet, braucht es noch mehr Forschung. Doch die bisherigen Daten reichen laut Jouanjus völlig aus, um zur Vorsicht zu mahnen.
„Die Vorteile von Cannabis sind den meisten bekannt. Ich hoffe, unsere Studie rückt nun auch die Risiken stärker ins Bewusstsein“, sagt sie.
Auch Springer findet: „Die neuen Ergebnisse – unsere eigenen und die dieser Studie – zeigen ganz klar: Cannabis ist nicht so harmlos, wie viele glauben.“