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Wissenschaft

Römisches Massengrab in Wien wirft neues Licht auf das Imperium

Ein Sportprojekt bringt es ans Licht: Unter dem Boden Wiens entdecken Archäologen ein Massengrab mit über 150 Skeletten – vermutlich römische Gladiatoren und Soldaten. Der Fund stellt gängige Vorstellungen über Bestattungsrituale infrage und gibt neue Rätsel auf.
Von Martín Nicolás Parolari Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Zufallsfund unter einem Sportplatz

Was als harmloses Bauvorhaben begann, entwickelte sich zu einer der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahre. Bei Grabungsarbeiten für ein neues Sportfeld in Wien stießen Bauarbeiter auf eine ungewöhnlich große Ansammlung menschlicher Knochen. Die Stadtarchäologie Wien und das Unternehmen Novetus GmbH wurden eingeschaltet – und stellten schnell fest: Hier liegt ein römisches Massengrab mit über 150 Skeletten.

Der Ort des Fundes ist kein Zufall. Im heutigen Wien befand sich einst die römische Garnisonsstadt Vindobona – ein strategisch wichtiger Militärstützpunkt an der Nordgrenze des Imperiums. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei den Verstorbenen um römische Legionäre oder Gladiatoren handelt, die hier ihren letzten Ruheplatz fanden – auf eher ungewöhnliche Art.

Ein Grab, das alle Regeln bricht

Die römische Bestattungstradition bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. war klar: Verstorbene wurden in der Regel verbrannt. Doch in dieser Grube wurden alle Körper inhumiert – also unverbrannt begraben. Für die Archäologin Kristina Adler-Wölfl ein deutliches Zeichen, dass es sich um eine Ausnahmesituation gehandelt haben muss.

„Die Art der Bestattung ist hochgradig ungewöhnlich“, erklärt sie. „Das deutet auf eine außergewöhnliche Lage hin – vielleicht eine Seuche, eine Schlacht oder sogar eine Hinrichtung.“

Kampfspuren und militärische Relikte

Die ersten anthropologischen Analysen zeigen: Die meisten Toten waren junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, körperlich fit und ohne Anzeichen schwerer Krankheiten. Dafür aber mit klaren Spuren gewaltsamer Auseinandersetzungen: Stichwunden, Knochenbrüche, Schädelverletzungen – alles Hinweise auf brutale Kämpfe mit Waffen wie Speeren, Dolchen oder Wurfgeschossen.

Neben den Skeletten fanden die Archäologen zahlreiche Artefakte: ein kunstvoll verzierter Dolch, Reste von Helmen und Rüstungen, militärische Schuhe – einige davon lassen sich ins 1. und 2. Jahrhundert nach Christus datieren. Eine Zeit, in der das römische Reich in Mitteleuropa seine größte Ausdehnung erreichte.

Genetische Spurensuche

Die nun laufenden DNA-Analysen sollen klären, woher diese Männer stammten, ob sie miteinander verwandt waren und möglicherweise Teil derselben Militäreinheit. Solche Erkenntnisse könnten nicht nur Licht auf ein bislang unbekanntes Ereignis werfen, sondern auch auf die sozialen und militärischen Strukturen des römischen Heeres in Vindobona.

Ein Fenster in eine vergessene Realität

Was unter Wiens Boden verborgen lag, ist mehr als nur ein weiterer archäologischer Fund. Es ist ein Spiegelbild der Härte, Brutalität und Komplexität des Lebens im Römischen Reich. Und es zwingt Historiker dazu, ihre Sicht auf römische Begräbnisrituale und Militärkultur zu überdenken.

Vielleicht war es eine verlorene Schlacht. Vielleicht ein nie dokumentierter Aufstand. Vielleicht ein brutaler Akt römischer Macht. Die Antworten liegen tief im Boden – und die Forschung hat gerade erst begonnen.

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