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Wissenschaft

Menschliche DNA aus dem Labor: Britische Forscher starten Projekt zum Bau eines künstlichen Genoms

Ein ehrgeiziger Plan soll neue Wege in Medizin und Biotechnologie eröffnen – doch Kritiker warnen vor ethischen Abgründen
Von Natalia Mesa Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Ein britisches Forscherteam wagt sich in bisher unbetretenes Terrain: Mit Unterstützung der Wellcome Trust-Stiftung soll erstmals ein vollständig künstliches menschliches Genom am Reißbrett entworfen und nachgebaut werden. Ziel des Projekts ist es, ein tieferes Verständnis für die Funktionsweise unserer DNA zu erlangen – und langfristig neue Therapien gegen Krankheiten zu entwickeln.

Doch das Vorhaben ist umstritten. Der Gedanke, künstliche menschliche DNA zu schreiben, weckt Erinnerungen an dystopische Szenarien wie im Film Gattaca – Stichwort: Designerbabys und genetische Optimierung.

Vom Bakterium zum Menschen: Ein Quantensprung

Geleitet wird das sogenannte Synthetic Human Genome Project (SynHG) von Professor Jason Chin von der Universität Oxford, in Zusammenarbeit mit weiteren britischen Forschungseinrichtungen. Die Wellcome Trust, die bereits maßgeblich das Human Genome Project vor 25 Jahren mitfinanzierte, stellt nun rund 11,7 Millionen Dollar (10 Millionen Pfund) für den Auftakt bereit.

„Die Fähigkeit, große Genome – auch menschliche – zu synthetisieren, könnte unser Verständnis der Genom-Biologie revolutionieren und die Perspektiven von Medizin und Biotechnologie radikal erweitern“, so Chin in einem Statement.

Chins Team hat bereits das gesamte Erbgut des Bakteriums E. coli synthetisiert – eine Leistung, die jedoch im Vergleich zur menschlichen DNA eher ein Fingerübung war: Das menschliche Genom ist etwa 700-mal komplexer.

Start mit einem künstlichen Chromosom

In den nächsten fünf bis zehn Jahren wollen die Wissenschaftler ein vollständiges synthetisches menschliches Chromosom erschaffen – ein ehrgeiziges Zwischenziel. Anders als bei der Gentechnik, bei der einzelne Gene verändert werden, erlaubt die Genom-Synthese massive Eingriffe auf makroskopischer Ebene. Damit könnten auch bislang kaum erforschte Bereiche des Genoms – das sogenannte „dunkle Material“ – entschlüsselt werden.

Julian Sale vom MRC Laboratory of Molecular Biology erklärt: „Wenn man ein Genom bauen kann, kann man es auch wirklich verstehen.“ Das sei essenziell, da große Teile der menschlichen DNA noch immer ein Rätsel seien.

Chancen für Medizin – und Risiken für die Gesellschaft

Laut den Initiatoren ließe sich mit der Technologie unter anderem maßgeschneiderte Zelltherapie oder virusresistentes Gewebe entwickeln. Denkbar wären auch Transplantate, die nicht mehr abgestoßen werden, da sie exakt auf das Immunsystem abgestimmt sind.

Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Genforscher Bill Earnshaw von der Universität Edinburgh warnte gegenüber der BBC, dass die Fähigkeit, DNA vollständig zu synthetisieren, theoretisch eines Tages auch für die Erschaffung künstlicher Menschen oder biologischer Waffen missbraucht werden könnte – selbst wenn diese Technologien heute noch nicht ausgereift seien.

Ethik von Anfang an mitgedacht

Um solche Befürchtungen ernst zu nehmen, fördert die Wellcome Trust parallel ein ethisches Begleitprojekt unter Leitung der Soziologin Joy Zhang von der Universität Kent. Die Forscher wollen sicherstellen, dass das Projekt nicht nur technologisch, sondern auch gesellschaftlich verantwortungsvoll vorangetrieben wird.

Tom Collins, Forschungsmanager bei Wellcome, sagte dazu: „Diese Technologie wird sowieso irgendwann entstehen. Wenn wir sie jetzt entwickeln, haben wir zumindest die Chance, dies so verantwortungsbewusst wie möglich zu tun – und uns den moralischen Fragen direkt zu stellen.“

Kein Science-Fiction, sondern Realität von morgen

Die Forscher selbst betonen, dass es beim SynHG-Projekt nicht um das Klonen oder Erschaffen von Menschen gehe, sondern um Grundlagenforschung. Dennoch markiert dieses Vorhaben einen Wendepunkt: Erstmals wird ernsthaft versucht, das komplexeste biologische Konstrukt der Natur – den Menschen – von Grund auf im Labor zu rekonstruieren.

Ob daraus ein medizinischer Durchbruch entsteht oder neue ethische Grauzonen – darüber wird die Forschung der kommenden Jahrzehnte entscheiden.

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