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Wissenschaft

Klimawandel auf dem Vormarsch: Warum Tuvalu ums Überleben kämpft und Tausende nach Australien fliehen

Die ersten Klimaflüchtlinge der Welt?
Von Ellyn Lapointe Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Tuvalu – ein winziger Inselstaat mitten im Pazifik – könnte das erste Land der Welt sein, das vom Klimawandel komplett ausgelöscht wird. Der steigende Meeresspiegel bedroht das Land akut, und viele Menschen sehen nur noch einen Ausweg: die Flucht.

Schon jetzt hat rund ein Drittel der etwa 11.000 Einwohner Tuvalus einen Antrag auf ein spezielles Visum für Australien gestellt. Dieses neue Visaprogramm ist weltweit das erste, das explizit auf die Folgen des Klimawandels reagiert. Australien hatte das Programm 2023 im Rahmen eines bilateralen Abkommens mit Tuvalu ins Leben gerufen. Seit dem 16. Juni dieses Jahres sind die ersten 280 Visa verfügbar – und über 3.000 Tuvaluer haben sich um einen Platz beworben.

Ein Ticket in die Zukunft

Wer Glück hat, erfährt bis Ende Juli, ob der Antrag erfolgreich war. Laut New Scientist sollen die ersten Migranten noch vor Jahresende nach Australien reisen. Dort erwartet sie ein vergleichsweise sicherer Start: Zugang zu Bildung, staatlicher Gesundheitsversorgung (Medicare), der Nationalen Behindertenversicherung (NDIS), Familien- und Kinderbetreuungsgeld sowie Jugendunterstützung sind inklusive.

„Australien erkennt die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Lebensgrundlagen, Sicherheit und das Wohlergehen klimatisch verwundbarer Staaten an – insbesondere im Pazifikraum“, teilte das australische Außenministerium der Guardian mit.

Ein Leben auf Zeit

Tuvalu liegt im westlichen Zentralpazifik – sein höchster Punkt ist kaum drei Meter über dem Meeresspiegel. Studien deuten darauf hin, dass viele der Inseln bis zum Ende des Jahrhunderts unbewohnbar werden könnten – durch Überflutungen, Versalzung des Grundwassers, Erosion und immer heftigere Stürme. Laut NASA rechnen Forschende mit einem Anstieg des Meeresspiegels um mindestens 15 Zentimeter in den nächsten 30 Jahren – allein für Tuvalu und vergleichbare Inselstaaten.

„Ich lebe mitten in der Realität des Klimawandels“, sagte Grace Malie, eine junge Delegierte aus Tuvalu, im Jahr 2024 der NASA. „Alle hier wohnen direkt an der Küste – das bedeutet, jeder ist betroffen.“

Schon jetzt ist die Hauptstadt Funafuti, Heimat von 60 % der Bevölkerung, massiv bedroht. Die Meereshöhe ist hier in den letzten 30 Jahren um etwa 14 Zentimeter gestiegen – 1,5-mal schneller als der weltweite Durchschnitt. Prognosen zufolge könnte bis 2050 die Hälfte der Hauptstadtfläche täglich überschwemmt werden.

Salzwasser, Dürre und Krankheit

Die Menschen spüren die Veränderungen längst im Alltag. Die Felder versalzen, das Grundwasser ist kontaminiert – übrig bleibt Regenwasser aus Sammelbehältern und erhöhte Gärten auf künstlichen Plattformen. Das macht Tuvalu besonders anfällig für Dürren, Wassermangel und Krankheitsausbrüche, wie UNICEF Australien warnt.

Seit 2017 versucht die Regierung mit dem „Tuvalu Coastal Adaptation Project“ (TCAP), die Küstenerosion zu stoppen. Einige Erfolge gibt es: Landgewinnung, besseres Monitoring und Schutzmaßnahmen an abgelegenen Inseln. Doch der Kampf gegen das Meer bleibt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Das Land digital retten

Weil das physische Tuvalu vielleicht nicht zu retten ist, setzt die Regierung auf ein ambitioniertes Projekt: die digitale Kopie des Landes. Ziel ist es, Tuvalus Geschichte, Kultur und staatliche Strukturen ins Internet zu überführen – ein virtuelles Staatswesen für eine versinkende Nation.

Ob Tuvalu wirklich das erste Land ist, das vollständig vom Klimawandel ausgelöscht wird, ist unklar. Sicher ist nur: Es wird nicht das letzte sein. Die Pazifikinseln tragen gerade einmal 0,02 % zur globalen Emission bei – und sind doch die ersten, die den Preis zahlen.

Was heute in Tuvalu Realität wird, könnte morgen viele andere Inselstaaten treffen. Und die Welt? Die schaut zu – und beginnt gerade erst zu begreifen, was auf dem Spiel steht.

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