Was als strategischer Coup begann, entwickelt sich für Bayer zum juristischen Albtraum: Mit der Monsanto-Übernahme kam auch der Glyphosat-Skandal ins Haus. Jetzt sucht der Konzern Hilfe beim US Supreme Court, um sich vor weiteren Klagen zu schützen. Doch die Zeit läuft – und der wirtschaftliche Druck wächst. Kann Bayer mit einem Grundsatzurteil die Wende schaffen oder droht ein noch tieferer Fall?
Ein letzter Versuch vor dem Supreme Court
Bayer geht in die Offensive: Nach Jahren voller Rückschläge in den USA will der Konzern den Dauerstreit um das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup nun auf höchster Ebene klären lassen. Mit dem sogenannten „Fall Durnell“ hofft Bayer auf ein Grundsatzurteil des Supreme Court, das künftige Klagen gegen das Unternehmen grundsätzlich verhindern könnte.
Der Hintergrund: In den Vereinigten Staaten wurden bislang mehr als 181.000 Klagen gegen Bayer eingereicht – viele davon mit dem Vorwurf, das Produkt Roundup könne Krebs verursachen. Während die Umweltbehörde EPA dem Mittel bei sachgemäßer Anwendung keine Gesundheitsgefahr bescheinigt, sehen Bundesstaaten wie Missouri das anders. Und genau darin liegt das juristische Problem: Dürfen Bundesstaaten strengere Warnhinweise verlangen als die Bundesbehörde erlaubt?

Gegensätzliche Urteile und eine wachsende Klagewelle
Ein zentrales Argument von Bayer: Die EPA habe ausdrücklich keine Warnung auf dem Produktlabel vorgeschrieben. Deshalb könne das Unternehmen rechtlich auch keine hinzufügen – selbst wenn einzelne Bundesstaaten das fordern. Im Fall „Schaffner“ gab ein Berufungsgericht Bayer recht: Bundesrecht stehe über Landesrecht, hieß es dort.
Anders verlief jedoch der Fall „Durnell“, bei dem eine Jury Bayer 2023 zur Zahlung von Schadenersatz verurteilte. Die Begründung: Nach dem Recht Missouris hätte eine Krebswarnung erfolgen müssen – trotz EPA-Entscheidung. Bayer legte Berufung ein, verlor jedoch erneut und bat daraufhin den Missouri Supreme Court um Prüfung. Als dieser die Annahme des Falls ablehnte, blieb nur noch der Weg zum US Supreme Court.
Milliardenverluste durch eine folgenschwere Übernahme
Der Ursprung des Rechtsstreits reicht zurück ins Jahr 2018: Damals übernahm Bayer für rund 63 Milliarden Dollar den US-Konzern Monsanto – mitsamt aller laufenden Verfahren und Risiken. Nur wenige Monate später folgte das erste Urteil gegen den neuen Mutterkonzern. Was dann kam, war eine Klagewelle historischen Ausmaßes, die Bayer bereits Milliarden an Vergleichszahlungen gekostet hat.
Zwar konnte das Unternehmen 2020 durch einen Vergleich rund 9,6 Milliarden Dollar zur Beilegung eines Großteils der Klagen aufwenden, doch eine Lösung für künftige Prozesse fand man nicht. Heute sind noch zehntausende Fälle offen, viele davon in den Händen von Privatpersonen, die Roundup über Jahre hinweg im heimischen Garten nutzten.
Das wirtschaftliche Risiko wächst
Inzwischen hat Bayer den Verkauf von Roundup an US-Privatkunden eingestellt – ein Schritt, der die Zahl neuer Klagen eindämmen soll. Doch das reicht offenbar nicht aus. Besonders kritisch: Auch das für Bayer wichtigere Geschäft mit landwirtschaftlichen Kunden gerät zunehmend unter Druck.
Der Aktienkurs des Unternehmens hat in den vergangenen Jahren massiv gelitten. Laut Daten der London Stock Exchange Group ist der Konzern, einschließlich Monsanto, aktuell weniger als 20 Milliarden Euro wert – ein Bruchteil dessen, was man einst für den Zukauf zahlte.
Glyphosat – ein Mittel mit globaler Kontroverse
Der Fall Bayer steht stellvertretend für die weltweite Debatte um Glyphosat. Während das Mittel in der modernen Landwirtschaft kaum wegzudenken ist, bleibt sein Einsatz hoch umstritten. Laut der Krebsforschungsagentur der WHO besteht ein „wahrscheinlicher Zusammenhang“ mit der Entstehung von Krebs.
In den USA wurden genau solche Vorwürfe in Tausenden Prozessen zur zentralen Streitfrage. Für Bayer geht es längst nicht mehr nur um ein Produkt, sondern um das Vertrauen in ein Unternehmen – und möglicherweise um das wirtschaftliche Überleben eines ganzen Konzerns.
Der Blick nach vorn – mit vielen offenen Fragen
Ob sich der US Supreme Court dem Fall tatsächlich annimmt, ist bislang unklar. Bayer hofft auf eine Entscheidung über die Annahme bis Ende Juni – ein Urteil wäre dann frühestens im Sommer 2026 zu erwarten.
Bis dahin bleibt der Konzern in einer gefährlichen Schwebe zwischen juristischer Unsicherheit, finanzieller Belastung und öffentlichem Imageverlust. Der Ausgang dieses Falls könnte nicht nur für Bayer, sondern auch für die globale Debatte um Glyphosat richtungsweisend sein. Doch die Zeit läuft – und der Druck wächst.
Quelle: www.spiegel.de