Kein Zusammenhang zwischen Alter und Taurinspiegel
Taurin – ein Aminosäure-ähnlicher Nährstoff, den unser Körper selbst produziert und der auch in Fleisch, Nahrungsergänzungsmitteln und Energydrinks vorkommt – wurde in den letzten Jahren als potenzielles Anti-Aging-Mittel gefeiert. Frühere Studien, insbesondere eine viel beachtete Untersuchung aus dem Jahr 2023, hatten gezeigt, dass bei Mäusen, Würmern und Affen die Taurinwerte mit dem Alter sanken und eine Supplementierung mit Taurin deren Lebensspanne leicht verlängern konnte. Auch beim Menschen wurde ein Zusammenhang zwischen niedrigen Taurinwerten und altersbedingten Krankheiten beobachtet.
Doch die neue, in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie konnte diesen Effekt nicht bestätigen. Forscherinnen und Forscher des National Institute on Aging analysierten dafür langfristige Daten aus Studien mit Menschen, Mäusen und Rhesusaffen – also Daten, die Taurinspiegel über mehrere Lebensjahre hinweg verfolgten. Das Ergebnis: Kein signifikanter Rückgang der Taurinwerte. Im Gegenteil, in vielen Fällen stiegen die Werte mit zunehmendem Alter sogar leicht an – einzige Ausnahme: männliche Mäuse.
Große Unterschiede zwischen Individuen
„Die zirkulierenden Taurinwerte nehmen im Erwachsenenalter bei gesunden Individuen dieser drei Säugetierarten nicht ab“, erklärte Studienleiterin Maria Emilia Fernandez bei einer Pressekonferenz. Außerdem zeigten sich starke individuelle Unterschiede: Die Schwankungen zwischen verschiedenen Personen waren größer als die altersbedingten Veränderungen innerhalb eines Individuums. Daraus schlossen die Forschenden: Taurin eignet sich nicht als verlässlicher Biomarker fürs Altern.
Noch viele offene Fragen
Heißt das nun, dass Taurin völlig nutzlos ist? Nicht unbedingt. Die Studienautor*innen betonen, dass Taurin weiterhin eine wichtige Rolle im Körper spielt – etwa bei der Produktion von Gallensäuren und der Regulation des Blutdrucks. Und: Es ist weiterhin denkbar, dass ein Mangel an Taurin bei bestimmten Menschen mit chronischen Erkrankungen in Verbindung steht – auch solchen, die mit dem Alter häufiger auftreten.
Zudem handelt es sich um Ergebnisse aus nur einer einzigen Studie. Weitere Untersuchungen sind nötig, um die tatsächliche Rolle von Taurin im Alterungsprozess besser zu verstehen.
Hoffnung liegt auf klinischer Studie
Der Forscher Vijay Yadav, einer der Autoren der Studie von 2023, führt derzeit eine placebokontrollierte klinische Studie durch, in der untersucht wird, ob Taurin-Supplemente die Gesundheit und Fitness von Menschen mittleren Alters verbessern können. Ergebnisse werden Ende 2025 erwartet. Bis dahin rät Yadav von überstürztem Handeln ab: „Wir können derzeit keine Empfehlung zur Einnahme geben. Nur eine kontrollierte Studie kann zeigen, ob Taurin tatsächlich gesundheitliche Vorteile bringt oder nicht.“
Altern braucht mehr als nur Pillen
Während wir also weiterhin auf verlässliche „Jungbrunnen“ in Kapselform warten, bleibt es bei den Klassikern: Bewegung, ausgewogene Ernährung und gute Schlafhygiene sind nach wie vor die besten Methoden, um möglichst gesund alt zu werden. Taurin allein wird diesen Prozess – so viel ist jetzt klarer – wohl nicht magisch umkehren.