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Wissenschaft

Zum ersten Mal wird ein fast unantastbarer genetischer Code korrigiert – und eröffnet neue Therapiewege

Jahrzehntelang galt die mitochondriale DNA als unüberwindbare Grenze der Gentechnik. Doch nun ist es einem Forscherteam gelungen, diese Barriere zu durchbrechen – ein Durchbruch, der neue Hoffnung für seltene, mütterlich vererbte Krankheiten bringt. Besonders überraschend: Die Methode erinnert an die Technologie der mRNA-Impfstoffe.
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Die genetische Medizin hat einen unerwarteten Sprung gemacht. Ein Forschungsteam in den Niederlanden hat erstmals erfolgreich die DNA menschlicher Mitochondrien verändert – etwas, das lange Zeit als nahezu unmöglich galt. Dieser Durchbruch könnte den Beginn eines neuen Kapitels im Kampf gegen bislang unheilbare mitochondriale Krankheiten markieren, von denen viele ausschließlich mütterlich vererbt werden.

Eine genetische Intervention, wo CRISPR nicht hingelangt

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© Pixabay – geralt.

Mitochondrien, die „Kraftwerke“ der Zellen, besitzen ihr eigenes Erbgut. Mutationen in dieser DNA können schwerwiegende Krankheiten verursachen – doch bisher gab es keine wirksame Methode, sie gezielt zu korrigieren. Der Grund: Werkzeuge wie CRISPR können die mitochondriale Hülle nicht durchdringen.

Um diese Hürde zu umgehen, nutzten die Forschenden ein Verfahren namens DdCBE (Doppelstrang-spezifischer Cytosin-Baseneditor), das es ermöglicht, gezielt eine einzelne Base im genetischen Code zu verändern. Diese Technik wurde in menschlichen Zellen und in Leberorganoiden – dreidimensionalen Zellkulturen – eingesetzt, um Modelle mitochondrialer Krankheiten zu erzeugen und Mutationen zu korrigieren, die für schwere Syndrome wie MELAS und MERRF verantwortlich sind.

In einem konkreten Fall gelang es dem Team, die DNA von Fibroblasten eines Patienten teilweise zu reparieren und entscheidende Signale der mitochondrialen Funktion wiederherzustellen. Dieses bislang einzigartige Verfahren könnte in naher Zukunft für maßgeschneiderte Therapien genutzt werden.

Genetische Technologie inspiriert von Impfstoffen

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© Pixabay – SkieTheAce.

Besonders innovativ ist der Weg, auf dem der Baseneditor in die Mitochondrien eingebracht wurde. Anstatt Proteine oder virale Vektoren zu verwenden, setzten die Wissenschaftler auf modifizierte RNA, verpackt in Lipid-Nanopartikel – eine Technik, die jener der mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19 ähnelt.

Diese Methode durchbricht die natürlichen Barrieren der Mitochondrien und erhöht die Effizienz der genetischen Korrektur. Laut Forscher Lluis Montoliu (CNB-CSIC) stellt sie eine sichere und praktikable Alternative dar, die für klinische Studien in Betracht gezogen werden kann.

Auch Genetikerin Gemma Marfany unterstreicht die Bedeutung dieses Fortschritts. Ihrer Einschätzung nach wagen sich nur wenige Teams an mitochondriale Genom-Editierung, da sie technisch extrem anspruchsvoll ist. Doch der Erfolg dieser Strategie zeigt, dass mit neuen Werkzeugen realistische Krankheitsmodelle und neuartige Therapieansätze möglich sind.

Der Beginn einer molekularen Revolution

Für Santiago Restrepo Castillo von der Universität Texas in Austin ist diese Forschung ein überzeugender Machbarkeitsnachweis. Der Einsatz patientenspezifischer Organoide eröffne den Weg zu personalisierten Behandlungen, die genau auf einzelne Mutationen zugeschnitten sind.

Auch wenn noch viele Hürden zu überwinden sind, zeigt diese Studie: Die mitochondriale DNA ist keine absolute Grenze mehr. Dank innovativer Technologien und dem gezielten Einsatz von Nanopartikeln könnte ihre Bearbeitung zu einem zentralen Werkzeug im Kampf gegen Krankheiten werden, die bislang als unheilbar galten.

Die Zukunft der genetischen Medizin hat offenbar einen neuen Code gefunden – und beginnt gerade erst, ihn zu entschlüsseln.

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