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Wissenschaft

Wie Stress die Ausbreitung von Krebs begünstigen kann

Chronischer Stress ist mehr als nur ein Stimmungskiller – er könnte auch eine entscheidende Rolle dabei spielen, wie sich Krebs im Körper ausbreitet.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Eine neue Studie an Mäusen liefert Hinweise darauf, dass Stress bestimmte Immunzellen so verändert, dass sie Krebszellen ungewollt beim Metastasieren helfen. Die Erkenntnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, Stress gezielt zu managen – besonders nach einer Krebsdiagnose – und könnten sogar den Weg für neue Therapien ebnen.

Stress als Katalysator für Metastasen

Das Forschungsteam vom Cold Spring Harbor Laboratory in New York wollte herausfinden, ob sich chronischer Stress messbar auf das Fortschreiten von Krebs auswirkt. Dafür wurden Mäusen Brustkrebstumore eingepflanzt – ein Teil der Krebszellen wurde anschließend in die Lunge übertragen, um eine Metastasierung nachzubilden.

Das Ergebnis: Bei den gestressten Mäusen wuchsen die Tumore in der Lunge deutlich schneller als bei den Tieren in der Kontrollgruppe. Der Verdacht lag nahe, dass Stresshormone wie Cortisol (in der Studie als Glukokortikoide bezeichnet) das Immunsystem auf eine Weise beeinflussen, die das Tumorwachstum begünstigt.

Immunzellen als unfreiwillige Helfer

Im Fokus der Forscher standen sogenannte Neutrophile – Immunzellen, die normalerweise zu den „Ersthelfern“ im Körper gehören, wenn es um Infektionen oder Entzündungen geht. Unter Stress jedoch scheinen sie sich anders zu verhalten: Die Forscher beobachteten, dass gestresste Neutrophile vermehrt sogenannte NETs bildeten (Neutrophil Extracellular Traps).

Diese netzartigen Strukturen werden normalerweise ausgeschüttet, um Krankheitserreger einzufangen und unschädlich zu machen. Doch genau diese NETs könnten laut der Studie eine Art „Willkommensumgebung“ für Krebszellen schaffen – sie verfangen sich darin, bleiben haften und können sich offenbar besser einnisten und vermehren.

Beweisführung im Mäusemodell

Um diese Theorie zu überprüfen, entfernten die Forscher entweder die Neutrophilen oder ihre NETs aus dem System der Mäuse – oder blockierten gezielt die Stressreaktion dieser Immunzellen. Das Resultat war eindeutig: Ohne NETs keine beschleunigte Tumorbildung. Selbst bei Vorhandensein von Krebszellen schien der Stress-Effekt auszubleiben, sobald die Immunzellen nicht mehr reagierten.

Besonders spannend: In weiteren Versuchen zeigten sich die NETs sogar dann als problematisch, wenn die Mäuse noch gar keinen Krebs hatten. Das Gewebe der Lunge wurde durch die Stressreaktion so verändert, dass es grundsätzlich empfänglicher für spätere Tumorzellen wurde.

Stress als therapeutischer Angriffspunkt?

„Unsere Daten zeigen, dass Glukokortikoide, die während chronischem Stress ausgeschüttet werden, die Bildung von NETs auslösen und so ein metastasenfreundliches Mikroklima schaffen“, schreiben die Forschenden in ihrer Studie, die im Fachjournal Cancer Cell erschienen ist.

Natürlich muss noch geklärt werden, ob sich diese Ergebnisse eins zu eins auf den Menschen übertragen lassen. Doch die Hinweise verdichten sich: Stress beeinflusst nicht nur indirekt über schlechte Gewohnheiten (z. B. mehr Alkohol, weniger Schlaf) die Gesundheit – er kann offenbar auch direkt biologische Prozesse in Gang setzen, die Krebserkrankungen verschärfen.

Ein Fall für die Psychoonkologie

Schon heute setzen viele Krebszentren auf begleitende Psychotherapie und Entspannungsprogramme. Diese Studie liefert eine weitere wissenschaftliche Grundlage dafür, warum gezielte Stressbewältigung ein fester Bestandteil jeder Krebsbehandlung sein sollte.

Langfristig hoffen die Forschenden sogar, Medikamente zu entwickeln, die NETs gezielt zerstören oder ihre Bildung verhindern – und damit möglicherweise auch das Fortschreiten bestimmter Krebsarten verlangsamen könnten.

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