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Wissenschaft

Wie Placebos unser Gehirn austricksen und Schmerzen lindern

Der Placeboeffekt gehört zu den bekanntesten, aber auch am wenigsten verstandenen Phänomenen der Schmerzforschung.
Von Adam Kovac Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Jetzt haben Forschende der University of North Carolina at Chapel Hill (UNCCH) einen entscheidenden Schritt gemacht – mit ein paar gut trainierten Mäusen und einer gehörigen Portion Hirntrickserei.

Seit dem 18. Jahrhundert ist dokumentiert, dass Menschen sich besser fühlen können, obwohl sie nur Zuckerpillen oder wirkstofffreie Scheinmedikamente erhalten. Der Körper reagiert, als hätte er tatsächlich eine wirksame Behandlung bekommen. Doch was genau dabei im Gehirn passiert, blieb lange rätselhaft. Klar, man wusste: Bei Placebos springt zum Beispiel der sogenannte anteriore cinguläre Cortex (ACC) an – eine Hirnregion, die stark mit Schmerzverarbeitung zu tun hat. Aber das war bislang eher eine grobe Annäherung als eine echte Erklärung.

Jetzt bringt eine neue Studie, veröffentlicht im Fachmagazin Nature, frischen Wind in die Debatte. Die Forschenden konditionierten Mäuse über mehrere Tage auf zwei miteinander verbundene Kammern. Anfangs waren beide Kammern angenehm warm. Dann wurde es in einer der Kammern unangenehm heiß, woraufhin die Mäuse lernten, in die andere Kammer zu flüchten, um dem Schmerz zu entkommen. An einem entscheidenden Tag schließlich wurden beide Kammern gleich schmerzhaft erhitzt – doch die Mäuse flüchteten weiterhin in die zweite Kammer und zeigten dort deutlich weniger Schmerzverhalten, obwohl es objektiv genauso wehtat wie zuvor. Weniger Hüpfen, weniger Pfotenlecken – das typische Verhalten bei Schmerzen war reduziert.

Was war passiert? Die Mäuse hatten offenbar gelernt, dass sie in der zweiten Kammer Linderung erfahren – und genau dieses Erwartungsgefühl löste eine echte, messbare Reaktion im Gehirn aus: der Placeboeffekt in Aktion.

Das wirklich Spannende daran: Die Forscher*innen hatten den Mäusen zuvor ein modifiziertes Virus injiziert, mit dem sich gezielt Neuronen in einer bestimmten Hirnregion beobachten ließen – im rostralen anterioren cingulären Cortex (rACC). Diese Region stand schon länger unter Verdacht, bei Placeboeffekten eine Rolle zu spielen. Doch das Team entdeckte noch mehr: Die aktivierten Neuronen waren mit drei weiteren Hirnarealen verbunden. Besonders auffällig war dabei die Verbindung zum sogenannten pontinen Kern (pontine nucleus) – einer Region, die eigentlich fürs Erlernen von Bewegungen zuständig ist, bisher aber nie mit Schmerzverarbeitung in Zusammenhang gebracht wurde.

Als die Mäuse in die vermeintlich sichere Kammer rannten, wurde genau dieser neuronale Pfad zwischen dem rACC und dem pontinen Kern aktiv. Und als die Forschenden diesen Pfad bei einem neuen Mäuseversuch künstlich stimulierten – also unabhängig vom eigentlichen Lernszenario –, zeigten die Tiere erneut weniger Schmerzverhalten. Ziemlich eindeutiger Hinweis: Diese spezielle Hirnverbindung scheint eine zentrale Rolle dabei zu spielen, wie Placebos Schmerzen lindern.

Natürlich ist Schmerz ein komplexes Phänomen, und das menschliche Gehirn ist noch mal ein gutes Stück komplizierter als das von Mäusen. Die Autor*innen der Studie betonen deshalb selbst, dass ihre Erkenntnisse nicht eins zu eins auf Menschen übertragbar sind. Dennoch weckt die Arbeit große Hoffnung: Wenn wir besser verstehen, wie das Gehirn Erwartung und Schmerzlinderung verknüpft, könnten daraus neue, wirksamere Medikamente oder verhaltenstherapeutische Ansätze entstehen – und das ganz ohne echte Wirkstoffe.

Kurz gesagt: Unser Gehirn lässt sich austricksen. Und genau das könnte in Zukunft vielen Menschen mit chronischen Schmerzen helfen – durch Placebos, die wirken, obwohl sie eigentlich nichts „tun“. Verrückt, oder? Aber offenbar ziemlich effektiv.

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