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Tech

Wenn KI auf Kernkraft trifft: Diablo Canyon testet erstmals künstliche Intelligenz im AKW

In Kalifornien wird zum ersten Mal künstliche Intelligenz in einem Atomkraftwerk eingesetzt – offiziell nur zur Dokumentensuche. Doch Stimmen aus Politik und Gesellschaft fordern bereits klare Grenzen.
Von Alex Shultz Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Was nach Science-Fiction klingt, ist in Kalifornien längst Realität: Im AKW Diablo Canyon unterstützt erstmals eine KI bei der Verwaltung von Millionen Seiten technischer Unterlagen. Das System soll den Alltag erleichtern – doch bei vielen schrillen die Alarmglocken. Zwischen Effizienzgewinn und berechtigten Sicherheitsbedenken stellt sich die Frage: Wie viel KI verträgt ein Atomkraftwerk?

KI zieht in die Atomenergie ein

Das letzte verbliebene Atomkraftwerk Kaliforniens, Diablo Canyon, ist eigentlich auf Abschiedstour. Der Rückbau ist ab 2029 geplant. Und doch wird dort nun Hightech installiert: Acht leistungsstarke Grafikprozessoren vom Typ NVIDIA H100 sollen ein neues KI-System antreiben – Neutron Enterprise.

Hinter der Software steckt das Start-up Atomic Canyon, das wie das AKW in San Luis Obispo beheimatet ist. Die KI wurde entwickelt, um Mitarbeitende bei der Durchforstung von riesigen Datenmengen der Nuclear Regulatory Commission zu unterstützen – darunter Millionen Seiten technischer Regularien und Prüfberichte.

Fürs Erste bleibt es bei dieser rein dokumentarischen Funktion. Doch allein der Einsatz von KI in einem so sicherheitskritischen Bereich wie der Kernenergie sorgt bereits für Diskussionen über gesetzliche Schranken.

Neutron Enterprise: Hilfe, kein Entscheider

PG&E, der Betreiber des Werks, betont: Neutron Enterprise sei kein Entscheidungsträger, sondern ein „Co-Pilot“, der lediglich beim Durchsuchen von Daten hilft. Vizepräsidentin Maureen Zawalick beschreibt den aktuellen Nutzen so: „Wir verbringen jährlich rund 15.000 Stunden damit, unsere Datenbanken und Protokolle zu durchsuchen. Das wird durch die KI deutlich schneller gehen.“

Auch der Entwickler Trey Lauderdale hält den Ball flach: „Ich will definitiv keine KI, die ein Atomkraftwerk steuert – zumindest nicht jetzt.“ Dennoch ist sein Start-up bereits mit weiteren Nuklearanlagen im Gespräch. Die Richtung ist klar: Es geht um mehr als nur Diablo Canyon.

Zwischen Transparenz und Misstrauen

Noch handelt es sich um eine Art Super-Suchmaschine, ohne Zugriff auf das Internet. Die Daten bleiben laut PG&E auf dem Werksgelände, abgesichert nach geltenden Vorschriften. Doch was passiert, wenn die Software falsch zusammenfasst oder „halluziniert“ – also Dinge dazuerfindet?

Kritiker:innen wie Tamara Kneese vom Thinktank Data & Society warnen: „Ich glaube nicht daran, dass es bei der reinen Dokumentensuche bleibt. Und PG&E ist nicht unbedingt das Unternehmen, dem ich beim KI-Einsatz in einem AKW blind vertrauen würde.“

Auch die Lokalpolitik schaut kritisch hin. Abgeordnete Dawn Addis äußerte „viele offene Fragen zu Sicherheit, Kontrolle und möglichen Auswirkungen auf Jobs“. Sie fordert gesetzliche Schutzmechanismen – besonders bei sensiblen Anlagen wie Diablo Canyon.

Wie alles begann: Vom Krankenhaus zur Kernkraft

Lauderdale ist kein Branchenfremder. Bereits mit seiner ersten Firma Voalte digitalisierte er Krankenhauskommunikation per iPhone – damals ebenfalls mit viel Skepsis empfangen. 2021 zog er mit seiner Familie nach San Luis Obispo und lernte zufällig Mitarbeitende von Diablo Canyon kennen. Daraus entstand die Idee zu Atomic Canyon.

2023 ging es los: Das Start-up lud 53 Millionen Seiten öffentlich zugänglicher AKW-Dokumente aus der NRC-Datenbank herunter – mit offiziellem Hinweis an die Behörde, um keinen Verdacht zu erregen. Mithilfe des Oak Ridge National Laboratory in Tennessee wurde dann ein spezielles KI-Modell trainiert, das nukleare Fachbegriffe versteht – und möglichst wenig erfindet.

Was kann Neutron Enterprise wirklich?

Aktuell durchsuchen Mitarbeitende damit nur öffentlich zugängliche Daten. Doch ab dem dritten Quartal 2025 soll die Software auf interne Dokumente ausgeweitet werden. Mithilfe von Texterkennung und optimierter Suchlogik könnten künftig auch interne Protokolle zusammengefasst werden.

Lauderdale beruhigt: Wenn die KI nichts findet, greifen die Beschäftigten einfach wieder zur alten Methode – also zur manuellen Suche. Und obwohl es theoretisch zu fehlerhaften Zusammenfassungen kommen könnte, bleibt der originale Dokumenteninhalt stets unangetastet.

Politische Reaktionen: Vorsicht ja, aber kein Alarmismus

Die ersten Reaktionen aus der kalifornischen Politik sind überraschend differenziert. Senator Henry Stern sagte, er wolle nicht gleich gegen jede KI-Initiative schießen – solange Sicherheitsstandards eingehalten werden. Kollege John Laird betonte die Notwendigkeit, Technikfortschritt mit Sicherheit und Umweltschutz in Einklang zu bringen.

Auch Lokalpolitiker:innen aus dem San Luis Obispo County äußerten sich grundsätzlich positiv. Die Supervisorin Heather Moreno lobte die KI als „Turbo-Suchmaschine“, die „nicht im operativen Betrieb eingesetzt wird“. Ihr Kollege Bruce Gibson forderte aber regelmäßige Transparenz-Updates von PG&E.

Wie geht es weiter?

Obwohl das Projekt noch in den Kinderschuhen steckt, will Atomic Canyon mit Diablo Canyon als Referenz weitere Atomkraftwerke für sich gewinnen. Auch für den Rückbau der Anlage ab 2029 könnte Neutron Enterprise hilfreich sein.

Lauderdale zeigt sich ambitioniert, aber vorsichtig: „Solange die KI keine Risiken birgt, kann man schrittweise mehr Aufgaben integrieren.“ Derzeit spiele seine Software keine operative Rolle – und das werde auch lange so bleiben.

Doch was heißt „lange“ in einem Zeitalter, in dem sich technologische Entwicklungen immer schneller drehen? Die entscheidende Frage lautet: Wer zieht wann die Grenze – bevor die KI mehr weiß als ihre Nutzer?


Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einem Originalbeitrag von The Markup und wurde unter der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND) veröffentlicht.

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