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Wissenschaft

Warum Niesen und Husten im Gehirn getrennte Wege gehen

Forscher hoffen, dass ihre Entdeckung die Erkältungs- und Allergiesaison in Zukunft erträglicher macht.
Von Adam Kovac Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Niesen und Husten verfolgen letztlich denselben Zweck: Sie sollen unerwünschte Eindringlinge aus den Atemwegen befördern. Der eine Reflex läuft über die Nase, der andere über den Mund – beide bringen Schleim mit sich und sind Abwehrreaktionen des Körpers. Weil sie sich so ähneln, ging die Medizin bislang davon aus, dass sie über dieselben Sinneszellen und neuronalen Bahnen gesteuert werden. Doch genau das scheint ein Irrtum gewesen zu sein.

Ein Forschungsteam der Washington University School of Medicine in St. Louis hat jetzt herausgefunden, dass Niesen und Husten im Gehirn völlig unterschiedlich verarbeitet werden. Die Studie, geleitet vom Anästhesisten Haowu Jiang, wurde in der Fachzeitschrift Cell veröffentlicht und könnte den Weg zu gezielteren Behandlungen bei Erkältungen und Allergien ebnen.

Winzige Nieser, große Erkenntnis

Für das Experiment ließ das Team Mäuse niesen und husten – ja, wirklich. Um herauszufinden, welche Nervenzellen konkret beim Niesen beteiligt sind, stimulierten sie verschiedene Nervengruppen in den Nasengängen der Tiere. Dazu gehörten unter anderem Rezeptoren, die auf Kälte oder Juckreiz reagieren – beides bekannte Auslöser für Niesanfälle.

Dabei stießen sie auf eine bestimmte Art von Juckreiz-Rezeptoren namens MrgprC11. Als nur diese eine Rezeptorgruppe gereizt wurde, löste das zuverlässig einen Niesreflex aus. Obwohl verschiedene Neuronengruppen das Gewebe in der Nase aktivieren können, war es eben nur MrgprC11, das den Niesvorgang tatsächlich startete.

Getrennte Schaltkreise für Husten und Niesen

Um ihre Ergebnisse abzusichern, infizierten die Forscher einige Mäuse mit Grippeviren. Das Ergebnis: In Tieren, bei denen MrgprC11 deaktiviert war, blieb das Niesen komplett aus – obwohl sie husteten und sich krank fühlten. Umgekehrt führte das Reizen von MrgprC11 im Kehlkopfbereich (also dort, wo Husten normalerweise entsteht) zu Irritationen, aber nicht zu Hustenanfällen.

Kurz gesagt: Der Husten wird über völlig andere Nervenzellen ausgelöst als das Niesen. Oder, wie es das Forschungsteam formuliert: „Auf neuronaler Ebene verlaufen Nies- und Hustensignale über unterschiedliche Schaltkreise.“

Und ja, Mäuse können wirklich husten

© Cell

Ganz nebenbei räumte die Studie noch mit einem kleinen Streitpunkt in der Wissenschaft auf: Können Mäuse überhaupt husten? Manche Studien hatten das bezweifelt. Doch die Forschenden aus St. Louis konnten mithilfe von Atem- und Audiomustern eindeutig nachweisen – doch, sie können! Nicht unbedingt weltbewegend, aber irgendwie nett zu wissen.

Warum das alles mehr als eine Fußnote ist

Auf den ersten Blick wirkt die Erkenntnis vielleicht wenig spektakulär. Ob der Körper nun auf zwei verschiedenen Wegen Schleim und Krankheitserreger loswird, ändert für viele Betroffene nichts an der Tatsache, dass beides einfach nervig ist.

Doch laut Jiang und seinem Team könnten die neuen Erkenntnisse ein echter Gamechanger sein – zumindest, wenn es um bessere Medikamente gegen Atemwegsinfekte oder Heuschnupfen geht. Denn viele gängige Mittel wie Antihistaminika oder Kortikosteroide dämpfen zwar Symptome, bringen aber oft unerwünschte Nebenwirkungen mit sich: trockene Schleimhäute, Nasenbluten oder ein erhöhtes Infektionsrisiko sind keine Seltenheit.

Zukünftige Behandlungen könnten dagegen gezielter an den jeweils verantwortlichen Nervenzellen ansetzen – also beispielsweise das Niesen blockieren, ohne gleich den gesamten Nasen-Rachen-Raum lahmzulegen. Für Allergiker:innen und Erkältungsgeplagte wäre das ein echter Fortschritt.

Und mal ehrlich – wer schon mal mit tropfender Nase und Reizhusten durch den Frühling gewankt ist, weiß: Das wäre wirklich nichts, worüber man nur müde lachen könnte.

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