In gerade einmal drei Jahrzehnten haben wir einen gigantischen Sprung gemacht: Von einem Sonnensystem mit acht bekannten Planeten (sorry, Pluto) zu über 5.000 entdeckten Exoplaneten, die sich quer durch die Galaxie verteilen. Keiner davon sieht bisher wirklich wie unsere Erde aus. Und selbst wenn irgendwo da draußen ein erdähnlicher Planet existiert – er könnte ganz anders wirken als unser vertrauter blauer Punkt. Vielleicht sogar… violett.
Ein Forschungsteam vom Carl Sagan Institute schlägt nun vor, dass wir bei der Suche nach außerirdischem Leben auch nach „lila Welten“ Ausschau halten sollten. In einer neuen Studie, veröffentlicht in den Monthly Notices of the Royal Astronomical Society: Letters, argumentieren sie, dass violette Bakterien auf anderen Planeten hervorragend gedeihen könnten – und dabei ein ganz eigenes „Licht-Signal“ erzeugen würden, das wir mit Teleskopen erkennen können.
„Wir müssen eine Datenbank für Lebenszeichen aufbauen, damit unsere Teleskope nicht einfach darüber hinwegsehen, nur weil es anders aussieht als das, was wir von der Erde kennen“, sagt Lisa Kaltenegger, Direktorin des Carl Sagan Institute und Mitautorin der Studie.
Lila Mikroben – die Überlebenskünstler
Violette Bakterien sind fotosynthetische Mikroorganismen, die sowohl in Wasser als auch an Land überleben – selbst unter extremen Bedingungen mit kaum Licht oder Sauerstoff. Einige dieser Bakterien leben auch heute noch auf der Erde: in flachen Gewässern, an Küsten, in Sümpfen oder sogar bei heißen Tiefseequellen.
Tatsächlich gehen Forschende davon aus, dass diese Mikroben vor rund drei Milliarden Jahren zu den ersten und am weitesten verbreiteten Lebensformen auf der Erde gehörten.
Für die neue Studie züchtete das Team über 20 verschiedene Arten violetter Bakterien – sowohl mit als auch ohne Schwefel. Anschließend wurden deren biologische Farbstoffe und optische Signaturen gemessen. Um zu testen, wie diese Organismen auf einem erdähnlichen Planeten wirken würden, simulierten die Forschenden unterschiedliche Planetenbedingungen – inklusive Wolkenbedeckung, Temperatur und Feuchtigkeit.
Das Ergebnis: Egal ob trocken oder nass – die lila Bakterien erzeugten starke, deutlich erkennbare Farbsignaturen. Ein potenzielles Erkennungsmerkmal für Leben auf fernen Welten.
Lila liebt Rot
Besonders spannend wird’s bei Planeten, die um sogenannte rote Zwergsterne kreisen. Das sind die häufigsten Sterne in unserer Galaxie – kleiner, kühler und langlebiger als unsere Sonne. Genau dort könnten violette Bakterien ihre große Bühne finden.
„Hier auf der Erde leben sie eher in Nischen, weil sie mit grünen Pflanzen, Algen und Bakterien konkurrieren müssen“, erklärt Lígia Fonseca Coelho, Erstautorin der Studie und Postdoc am Carl Sagan Institute. „Aber unter einem roten Stern hätten sie womöglich die perfekten Bedingungen für Photosynthese.“
Die Idee: Auf einem Planeten mit weniger sichtbarem Licht und mehr Infrarotstrahlung – wie es bei roten Zwergen der Fall ist – könnten violette Mikroben der dominante Lebensformtyp sein. Und genau das sollten wir bei der Suche nach Leben im All berücksichtigen.
Ein neuer Farbcode fürs Universum
Die Forschenden arbeiten jetzt daran, einen umfassenden Katalog zu erstellen – eine Art „Farbatlas“ außerirdischen Lebens. Dafür analysieren sie, welche Farben und chemischen Signaturen verschiedene Organismen und Mineralien erzeugen würden, wenn Licht auf sie trifft und reflektiert wird.
Diese Daten sollen künftigen Weltraumteleskopen wie dem James Webb Space Telescope oder dem geplanten Nancy Grace Roman Telescope helfen, auch ungewöhnliche Lebensformen zu entdecken – selbst wenn sie so gar nichts mit dem Leben auf der Erde zu tun haben.
„Wir fangen gerade erst an, wirklich hinzusehen“, so Kaltenegger. „Und violette Bakterien zeigen uns, wie unterschiedlich Leben aussehen kann. Vielleicht ist Lila in anderen Welten ja das neue Grün.“
Zeit, unser Farbspektrum zu erweitern
Die Suche nach Leben im All ist längst nicht mehr nur eine Frage von „sehen wir Wasser?“ oder „ist da Sauerstoff?“. Diese Studie zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es ist, offen für neue, unerwartete Lebensformen zu sein – und auch Farben ins Visier zu nehmen, die wir bisher vielleicht übersehen haben.