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Wissenschaft

Warum es sich lohnt, noch lebendig eine Niere zu spenden

Und warum das gar nicht so verrückt ist, wie es klingt
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 4 Minuten

Lebendige Organspende? Klingt krass – ist aber machbar

Würdest du im Leben auf die Idee kommen, einem anderen Menschen eine Niere zu spenden – und das, während du noch putzmunter bist? Wahrscheinlich nicht. Du wärst in guter Gesellschaft, denn lebende Organspenden sind alles andere als alltäglich.

Dabei sind vor allem Nieren – und mittlerweile auch Teile der Leber – gut dafür geeignet, von lebenden Spendern übertragen zu werden. Mit nur einer Niere kommt unser Körper bestens klar, und Lebergewebe wächst sogar nach. Natürlich gibt’s wie bei jeder OP gewisse Risiken, aber Studien zeigen: Im Durchschnitt leben Nierenspender*innen genauso lange wie alle anderen – und das meistens ohne ernsthafte Spätfolgen. Tatsächlich halten gespendete Nieren von lebenden Menschen oft länger als die von Verstorbenen – teils über 20 Jahre.

Es gibt IMMER jemanden, der deine Niere braucht

Trotz zunehmender Spendenbereitschaft bleibt die Realität ernüchternd: In den USA spenden pro Jahr nur etwa 6.500 Menschen eine Niere, bei rund 25.000 Nierentransplantationen insgesamt. Viel zu wenig, angesichts der langen Wartelisten.

Im Dezember veröffentlichten die Forschenden Mario Macis und Elizabeth Plummer einen Artikel in JAMA Internal Medicine, der genau das ändern soll. Plummer, Professorin für Gesundheitspolitik an der Texas Christian University, hat Anfang 2024 selbst eine Niere gespendet – an ihre Cousine. Gemeinsam mit Macis, einem Wirtschaftswissenschaftler der Johns Hopkins University, hat sie ihre Erfahrung aufgearbeitet – persönlich, sachlich, informativ.

Ein Gespräch über Mythen, Hürden und Lösungen

Gizmodo: Was hat euch dazu gebracht, diesen eher ungewöhnlichen Artikel gemeinsam zu schreiben?

Plummer: Vor meiner Spende hatte ich das Thema nie ernsthaft auf dem Schirm. Die Erfahrung war ein echter Augenöffner – eine fremde Welt, von der die meisten nichts ahnen. Es gibt unzählige Menschen, die nur durch Dialyse am Leben bleiben. Ich wollte mit meiner Geschichte Aufmerksamkeit schaffen – und Mario hat das Fachwissen, um die Systemprobleme einzuordnen. Das war die perfekte Kombi.

Macis: Ich interessiere mich seit Jahren für Märkte mit chronischem Mangel – etwa Blut- oder Organspenden. Das Problem: Weil finanzielle Anreize aus ethischen Gründen verboten sind, hängt alles am Altruismus. Das reicht aber nicht aus. Viele sterben, bevor sie ein passendes Organ bekommen. Und für den Staat ist Dialyse extrem teuer. Jede Nierentransplantation spart rund 150.000 Dollar. Wir könnten also Menschenleben retten und Geld sparen – wenn wir die finanziellen Hürden für Spender*innen abbauen.

Die größten Irrtümer über die Nierenspende

Plummer: Viele denken noch an die Zeit, in der eine Spende für den/die Spenderin gefährlicher war als für den/die Empfängerin. Heute läuft das Ganze minimalinvasiv ab – ich war nach zwei Nächten wieder zuhause und nach einer Woche zurück im Job.

Und nein, du musst niemanden kennen, der eine Niere braucht. Es gibt sogenannte Spenderketten: Wenn mein Cousin z. B. nicht mit mir kompatibel gewesen wäre, hätte ich an jemanden anderen gespendet – und sie hätte eine passende Niere von einer anderen Person erhalten. Diese Ketten funktionieren quer durchs Land. Du kannst auch komplett anonym spenden – das nennt man altruistische Spende. Die Kliniken finden immer jemanden, der passt.

Auch das Alter ist kein Ausschlusskriterium. Viele über 60 sind gesundheitlich topfit, haben keine kleinen Kinder mehr und sind vielleicht sogar in Rente – perfekte Voraussetzungen. Die medizinischen Checks sind streng, aber Alter allein ist kein Grund, Nein zu sagen.

Außerdem: Das Team, das die Spender*innen betreut, arbeitet unabhängig vom Empfänger-Team. Ich wurde mehrmals daran erinnert, dass ich jederzeit abspringen kann – ohne Druck, ohne Erklärung. Diese Trennung ist gesetzlich geschützt.

Was müsste passieren, damit mehr Menschen spenden?

Macis: Ganz klar: Alle finanziellen Nachteile müssen weg. Die medizinischen Kosten übernimmt zwar die Krankenkasse des/der Empfänger*in, aber es bleiben oft hohe Nebenkosten – etwa Verdienstausfall, Reisekosten oder Kinderbetreuung. Das kann sich schnell auf Zehntausende Dollar summieren.

Wir brauchen ein System, das alle direkten und indirekten Kosten übernimmt – unabhängig vom Einkommen der Beteiligten. Kein Mensch sollte wegen einer Spende finanziell schlechter dastehen. Dazu gehört auch: eine lebenslange Versicherung für eventuelle Spätfolgen und ein rückerstattbarer Steuerbonus als Anerkennung der persönlichen Belastung.

Die Vorteile sind messbar: Jede zusätzliche Nierentransplantation spart dem Gesundheitssystem rund 150.000 Dollar. Hochgerechnet würden Milliarden eingespart – und Tausende Patient*innen hätten eine echte Chance auf ein normales Leben. Ein mutiger Reformschritt könnte also sowohl Leben retten als auch Kosten senken. Und ethisch gesehen? Selbst Organisationen wie das Nationale Spenderhilfszentrum befürworten längst umfassende Erstattungsmodelle – ohne direkte Bezahlung für Organe.

Und wie geht’s euch beiden heute?

Plummer: Mir geht’s super. Die OP fühlt sich schon ewig her an. Ich lebe wie vorher – mit einer Ausnahme: Ich darf keine NSAIDs mehr nehmen, also Ibuprofen oder Aleve. Die hab ich früher echt gern genommen! Aber das war’s auch schon.

Meine Cousine? Die ist auf einem guten Weg. Keine Dialyse mehr – früher hing sie jede Nacht zwölf Stunden an der Maschine, ihr Mann musste helfen. Jetzt fühlt sie sich stärker, ist aktiver. Natürlich hat sie weiterhin viele Arzttermine und muss Medikamente gegen Abstoßung nehmen, aber ihr Körper liebt die neue Niere. Wir sind beide froh, dass wir’s gemacht haben.

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