Die Geschichtsbücher sind voller dunkler Jahre: Weltkriege, Seuchen und Katastrophen, die ganze Zivilisationen erschütterten. Doch ein Team aus Historikern und Naturwissenschaftlern hat einen noch dunkleren Moment ausgemacht – wortwörtlich. Das Erstaunliche daran: Die Ursache dieser Katastrophe lag nicht beim Menschen, sondern bei der Erde selbst.
Die Sonne, die nicht mehr strahlte: Chronik eines mysteriösen Phänomens

Im Jahr 536 n. Chr. beschrieb der römische Senator Cassiodor einen „blauen Himmel“ und eine Sonne, die mittags keine Schatten mehr warf. Für die Bewohner des Mittelmeerraums war dies ein fast biblisches Omen – in China ein kaiserlicher Unheilsbote. Heute wissen wir: Solche Phänomene entstehen, wenn Vulkanasche und Aerosole in die Stratosphäre gelangen und Sonnenlicht reflektieren. Damals jedoch sprach man von einem mysteriösen „trockenen Nebel“, der Licht blockierte und das Klima abkühlte.
Das Resultat: Ein drastischer Temperaturabfall, der Ernten vernichtete. In Konstantinopel verdarb das Getreide, in Gallien leerten sich die Kornspeicher. Handelsrouten wurden überlastet, Preise stiegen ins Unermessliche, und Hungersnöte lösten soziale Unruhen aus. Ganze Reiche gerieten ins Wanken – in einem Moment, in dem sie militärische und wirtschaftliche Stabilität am dringendsten gebraucht hätten.
Baumringe und Eiskerne: Wie die Wissenschaft uralte Katastrophen entschlüsselt

Die ersten Hinweise auf dieses globale Tief kamen nicht aus Geschichtsbüchern, sondern aus der Dendrochronologie. Wissenschaftler stellten fest, dass skandinavische Kiefern im Jahr 536 nur sehr wenig wuchsen. Eiskerne aus Grönland und der Antarktis zeigten gleichzeitig ungewöhnlich hohe Mengen an Schwefel und Bismut – chemische Signaturen von gewaltigen Vulkanausbrüchen in tropischen oder subpolaren Regionen.
Der Klimahistoriker Michael McCormick und sein Team vermuten, dass ein Vulkan auf Island den ersten Stoß auslöste. Weitere Ausbrüche in den Jahren 540 und 547 verlängerten den globalen „Staubschleier“. So entstand der Begriff des „vulkanischen Winters“ – eine langanhaltende Phase atmosphärischer Dunkelheit und globaler Abkühlung. Zwar gab es auch andere ähnliche Ereignisse (z. B. Tambora 1815 oder Krakatau 1883), doch keines hielt so lange an wie jenes im 6. Jahrhundert.
Ein Cocktail der Katastrophen: Von Hungersnot zur Justinianischen Pest

Die Klimakrise bereitete den Boden für eine noch verheerendere Tragödie: Im Jahr 541 erreichten Schiffe mit von Flöhen befallenen Ratten den ägyptischen Hafen Pelusium – und damit begann die Justinianische Pest. Die Seuche breitete sich vom östlichen Mittelmeerraum aus, tötete Dutzende Millionen Menschen und brachte die Steuerbasis des Byzantinischen Reiches zum Einsturz.
Zeitgenössische Chronisten wie Prokop berichteten von Leichenbergen in Konstantinopel. Selbst Kaiser Justinian I. erkrankte und überlebte nur knapp. Bevölkerungsverluste führten zu barbarischen Invasionen und einer Neuordnung des Handels. Doch nicht alle Regionen litten gleich: In der Arabischen Halbinsel etwa nahmen die Regenfälle zu, Oasen blühten auf – ein Wandel, der später das Aufkommen des Islam begünstigte.
Alternative Theorien: Kometen, Unterwassereruptionen und andere Vermutungen
Obwohl die Vulkanhypothese heute am weitesten akzeptiert ist, gibt es konkurrierende Theorien: Manche Forschende vermuten Einschläge von Kometen oder gigantische Unterwasserausbrüche. Eine neue Analyse grönländischer Eiskerne weist auf marine Partikel hin, wie sie nur durch ozeanische Explosionen oder extraterrestrisches Material entstehen könnten. Diese Szenarien schließen vulkanische Ursachen nicht aus, deuten aber auf eine komplexe Verkettung mehrerer Ereignisse hin.
Mit moderner Laserspektrometrie lassen sich nun sogar Mikrospuren im Polareis präzise zuordnen – und das letzte Wort über das schlimmste Jahrzehnt der Menschheitsgeschichte ist womöglich noch nicht gesprochen.
Quelle: Xataka