Forschende haben herausgefunden, dass Personen, die Sildenafil – den Wirkstoff in Viagra – einnehmen, seltener an Alzheimer erkranken als vergleichbare Personen, die das Medikament nicht nutzen. Ganz bewiesen ist der Zusammenhang noch nicht, aber die Hinweise verdichten sich.
Veröffentlicht wurde die Studie im Journal of Alzheimer’s Disease von einem Forschungsteam der renommierten Cleveland Clinic. Die Wissenschaftler hatten bereits 2021 eine Arbeit veröffentlicht, in der sie mithilfe von Labortests und Versicherungsdaten erste Hinweise darauf fanden, dass Sildenafil das Risiko für Alzheimer deutlich senken könnte – damals war sogar von bis zu 69 Prozent die Rede. Die Ergebnisse lösten große Diskussionen aus, denn nicht alle Forschenden waren überzeugt davon, dass die damalige Studiendesign tatsächlich eine klare Verbindung zwischen der Medikamenteneinnahme und einem geringeren Alzheimer-Risiko nachweisen konnte.
2022 folgte dann eine weitere Untersuchung auf Basis von Medicare-Daten in den USA – diesmal jedoch ohne einen erkennbaren Zusammenhang zwischen Sildenafil und Alzheimer-Prävention. Der Hype flachte etwas ab, aber ganz vom Tisch war die Sache nicht.
Neue Daten, neue Hoffnung
Im Februar dieses Jahres brachte ein britisches Forscherteam die Diskussion erneut ins Rollen: Sie werteten Gesundheitsdaten aus Großbritannien aus und stellten fest, dass Sildenafil-Nutzer zwar in geringerem Maße, aber dennoch signifikant seltener Alzheimer bekamen. Und jetzt meldet sich das ursprüngliche Team aus Cleveland zurück – mit neuen, stärkeren Daten im Gepäck.
Diesmal haben sie zwei große Patientendatenbanken durchforstet und gezielt Menschen verglichen, die Sildenafil einnehmen, mit anderen, die Medikamente gegen Lungenhochdruck bekommen – darunter vier gängige Alternativen. Denn Sildenafil ist nicht nur bei erektiler Dysfunktion im Einsatz, sondern wird auch zur Behandlung dieser speziellen Form von Bluthochdruck verschrieben.
Das Ergebnis: Bei den Sildenafil-Nutzern lag das Alzheimer-Risiko je nach Vergleichsgruppe zwischen 30 und 54 Prozent niedriger. Das ist zwar nicht ganz so dramatisch wie die 69 Prozent aus der ersten Studie, aber immer noch deutlich genug, um aufhorchen zu lassen.
Auch im Labor gibt’s Hinweise
Doch damit nicht genug: Die Forschenden haben auch im Labor weitergearbeitet. Mit Stammzellen von Alzheimer-Patienten züchteten sie Nervenzellen und behandelten diese mit Sildenafil. Und siehe da – das Medikament förderte das Wachstum sogenannter Neuriten, also der Verästelungen von Nervenzellen, über die sie miteinander kommunizieren. Außerdem sank die Menge eines bestimmten, als toxisch geltenden Tau-Proteins, das im Verdacht steht, Alzheimer mit auszulösen.
Diese Beobachtungen könnten ein Hinweis darauf sein, wie Sildenafil tatsächlich im Gehirn wirken und das Alzheimer-Risiko senken könnte.
Noch keine endgültigen Beweise – aber ein klarer Forschungsauftrag
Feixiong Cheng, der leitende Autor der Studie, zeigte sich in einer Erklärung der Cleveland Clinic vorsichtig optimistisch:
„Unsere Ergebnisse liefern weitere Argumente dafür, ein bereits von der FDA zugelassenes Medikament wie Sildenafil als neue Alzheimer-Therapie in Betracht zu ziehen – gerade weil es bei dieser Krankheit dringend neue Ansätze braucht.“
Gleichzeitig betont das Forschungsteam, dass diese Daten noch keinen Beweis liefern, dass Sildenafil Alzheimer tatsächlich verhindern oder verzögern kann. Dazu braucht es größere, gezielte klinische Studien mit Patientinnen und Patienten.
Und genau dazu ruft Cheng nun auf:
„Wir glauben, dass unsere Ergebnisse die Grundlage für klinische Studien liefern, um das tatsächliche Potenzial von Sildenafil bei Alzheimer-Patienten genauer zu untersuchen.“